Markus Gisdol erlebt Dienstbeginn bei "geilem Klub"

Am Montag wurde Markus Gisdol als neuer Trainer des Fußball-Bundesligisten Hamburger SV vorgestellt und leitete anschließend gleich das erste Training. <i>Mit Kommentar.</i>

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Trainer Markus Gisdol gibt die ersten Kommandos beim HSV.  Foto: 

Markus Gisdol musste nur ein knappes Jahr warten, bis das richtige Angebot kam. Am 23. Oktober 2015 war der Bad Überkinger als Trainer der TSG Hoffenheim entlassen worden – ausgerechnet nach einer 0:1-Heimpleite gegen den HSV. Seitdem war Gisdol fast überall ins Gespräch gebracht worden, wo gerade ein Bundesliga-Trainerstuhl freigeworden war. Am Sonntag einigte er sich mit dem HSV auf ein Engagement bis Saisonende.

Am Montag wurde Gisdol auf einer Pressekonferenz vorgestellt, anschließend leitete er das erste Training mit seinem langjährigen Assistenten Frank Kaspari. Mit dem Schlater verbinden Gisdol viele gemeinsame Jahre beim SC Geislingen, Kaspari diente ihm bereits in Hoffenheim als Co-Trainer.

Die Entscheidung für den Bundesliga-Dino war eine emotionale. „Der HSV ist ein wahnsinnig geiler Klub“, sagt Gisdol über seinen neuen Arbeitgeber, der zuletzt seine Übungsleiter ähnlich schnell wechselte wie einst Lothar Matthäus seine Ehefrauen. Die Aufgabe beim sieglosen Drittletzten der Liga sieht der 47-Jährige als „große Herausforderung“ und „großen Reiz“. Mit markigen Sprüchen hielt sich der stets sachliche Bad Überkinger erwartungsgemäß zurück. Für solche ist an der Alster eher Milliardär Klaus-Michael Kühne zuständig. Gisdol bevorzugt den verbalen Flachpass und will „keine sofortigen Erfolge versprechen“.

"Aggressives Pressing und schnelles Umschaltspiel"

In Hoffenheim entwickelte der einstige Drittligaspieler mit Geduld und Akribie eine spielstarke Mannschaft, die er bei Amtsantritt aber erst vor dem drohenden Abstieg retten musste. So prekär ist die Lage beim HSV nach  dem fünften Spieltag noch lange nicht. Dennoch muss der neue Trainer erst die „negative Stimmung“ im und um den Verein umdrehen. Der Mannschaft will er schleunigst seine Philosophie von „aggressivem Pressing“ und „schnellem Umschaltspiel“ eintrichtern. Ob er das bis zum schweren Auswärtsspiel am Samstag bei Hertha BSC hinbekommt, wird er wohl selbst bezweifeln. Zumindest will er bis dahin in Einzelgesprächen die Verunsicherung im Team in neuen Optimismus gedreht haben.

Der neue Coach geht unvoreingenommen an seine Aufgabe heran. Er macht sich immer erst dann ein Bild von Spielern, „wenn ich sie auch selbst trainiere“. Er gibt jedem Spieler „die Chance, bei null zu beginnen“. Gisdol wehrt sich gegen den Ruf, er setze vor allem auf junge Spieler. Ihm ist es „egal, ob ein Spieler 18 oder 35 Jahre alt ist – die Bereitschaft ist das Entscheidende.“

Gisdol hat nur bis Saisonende unterschrieben und will sich danach am Erfolg messen lassen. Dann könne der Verein „meine Arbeit in Ruhe anschauen und entscheiden, ob es eine Basis für eine längere Zusammenarbeit gibt“, begründet er seine Ablehnung eines längerfristigen Vertrags. In Hamburg sind sie schon jetzt davon überzeugt, der 47-Jährige gilt als Taktik-Fuchs, der einer Mannschaft eine Spielidee vermitteln kann. Genau das ist Vorgänger Bruno Labbadia nicht gelungen.

Ein Kommentar von Thomas Friedrich: Chance und Risiko zugleich

Das lange Warten hat sich gelohnt. Ein knappes Jahr war Markus Gisdol arbeitslos, verhandelte mit einigen Interessenten – jetzt unterschreibt er bei einem Traditionsverein. Das Ja-Wort für den HSV war eine emotionale Entscheidung, aber nicht nur. Gisdol pflegt stets sein Gehirn einzuschalten, bevor er handelt. Bis zuletzt buhlte auch Werder Bremen um die Gunst des 47-Jährigen, der letztlich dem prominenteren Nord-Nachbarn den Zuschlag erteilte. Gisdols Entscheidung ist Chance und Risiko zugleich. Beim betulichen SV Werder hätte der Bad Überkinger eine höhere Arbeitsplatzgarantie gehabt als beim Bundesliga-Dino, der in den vergangenen 19 Jahren 20 Trainer verschlissen hat. Letztlich aber sind die Mittel an der Weser begrenzt, Gisdols Möglichkeiten, dort Großes zu bewirken, daher ebenso. Der Schleuderstuhl an der Alster hat eine ungleich höhere Strahlkraft. Dank der Millionen von Klaus-Michael Kühne lässt sich in den kommenden Jahren aus dem HSV eine Spitzenmannschaft formen. Gisdol gilt im Gegensatz zu Vorgänger Bruno Labbadia als Trainer, der durchaus in der Lage ist, eine Mannschaft zu entwickeln. In Hamburg muss er nur Investor Kühne bei Laune halten. Der Milliardär hält die Zügel fest in der Hand, Dietmar Beiersdorfer ist nur auf dem Papier der Ober-Hanseate. Für Gisdol bedeuten die Machtverhältnisse in Hamburg keine allzu große Umstellung. In Hoffenheim hat er es lange gut verstanden, den mächtigen Dietmar Hopp von seinen Fähigkeiten zu überzeugen. In Hamburg startet er mit einem gewaltigen Vertrauensvorschuss – den hätten sich manche seiner Vorgänger dort auch gewünscht.

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