Der Ankläger

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„So, dann verraten Sie mir mal, was Sie mit dieser Reportage bewirken wollen“: Die Aufforderung meines Gesprächspartners ist zugleich eine Anklage. Wie sie oft von Trump-Anhängern erhoben wird, die hinter Journalisten „klassischer“ Medien Verräter vermuten, die mit gefälschten Nachrichten – „fake news“ – den Präsidenten mindestens verleumden, eigentlich aber stürzen wollen.

Mir gegenüber sitzt Tyler L., der seinen richtigen Namen nicht gedruckt sehen und sich schon gar nicht fotografieren lassen will. Der 32-Jährige aus Altoona, Pennsylvania, war bei der ersten Kontaktaufnahme am Telefon durchaus  begeistert gewesen von der Gelegenheit, mit einem Reporter über Donald Trump reden zu können. Dass sein verstorbener Vater, ein Berufssoldat, Zeit seines Lebens konservativer Republikaner gewesen sei, erzählte er. „Ronald Reagan hat er richtig geliebt.“

Auch von seinem eigenen Leben berichtete Tyler L.: Als studierter Politikwissenschaftler wollte er zunächst eine Laufbahn im Auswärtigen Dienst antreten, entschied dann aber, eine Familie zu gründen. Im Alter von 18 Jahren habe er wie die meisten Jugendlichen die Demokraten favorisiert. Erst vor einigen Jahren sei er den Republikanern beigetreten. Warum? „Desillusionierung über das politische Establishment, an dem sich auch unter Obama nichts geändert hat.“ Heute arbeitet Tyler L. in einer Agentur für Personalbeschaffung, als sogenannter Rekrutierer für Fachkräfte und Manager der unteren bis mittleren Führungsebene.

Wir treffen uns in einem kleinen Arbeitszimmer am Rande mehrerer, aneinandergereihter Zellenbüros. So aufgeschlossen und mitteilsam wie am Telefon wirkt er nicht mehr. Ich versichere ihm, dass ich unvoreingenommen in unser Gespräch gehe. „Ich will lediglich Ihre Geschichte hören, Sie sollen erzählen.“ Mein Gesprächspartner aber hat offenbar andere Absichten. Und gibt zu erkennen, dass er mir kein Wort glaubt. Er habe  meinen Namen in diverse  Suchmaschinen eingegeben und dabei Artikel gefunden und übersetzen lassen, die ich seit der Präsidentschaftskampagne 2016 über Trump geschrieben hatte. Unter anderem habe ich den jetzigen Präsidenten mehrfach als „narzisstisch“ bezeichnet, hat Tyler L. festgestellt.

Außerdem sei ich mit Trumps unberechenbarem Temperament nicht einverstanden und habe ihn kritisiert, nachdem er auf einer Wahlkampfveranstaltung in South Carolina den körperbehinderten Reporter Serge Kovaleski nachgeäfft hatte – es war einer der peinlichsten Auftritte des Republikaners überhaupt. Dabei, behauptet Tyler L., habe Trump „den New-York-Times-Typen“ gar nicht nachgeäfft. „So gestikuliert der Präsident eben, wenn er redet.“ Im Übrigen teilt Tyler L. Trumps Einschätzung, wonach die  Amtseinführung des Präsidenten in Washington mehr Menschen besucht hätten als je zuvor. Eine Behauptung, die von Satellitenfotos widerlegt wird und die selbst der frühere Regierungssprecher Sean Spicer für falsch hält.

 Für Tyler L. gibt es aus alldem nur eine Schlussfolgerung: „Fake news! Sie sind nicht anders als die ­Washington Post, New York Times oder CNN“, schleudert er mir entgegen. „Ihr alle verbreitet nur fake news!“ Ich bin nicht sonderlich überrascht, schließlich ist mir das in rechtspopulistischen Kreisen verbreitete Misstrauen gegenüber herkömmlichen Medien schon mehrfach begegnet.

Tyler L. hat genug von mir. Mit den Worten „Ich will Ihnen jetzt wirklich nicht mehr sagen“ beendet er abrupt das Gespräch. „Und dabei hätte ich so viel zu erzählen gehabt, über die Verschwörungen gegen unseren Präsidenten, über vieles Andere, das ist Ihr Pech.“ Ja, mein Pech. Aber auch mein Glück, einen Wähler wie Tyler L. gefunden zu haben.

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