„Den Schalter umlegen“

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    Klaus Lang von Haus & Grund und Rolf Gaßmann vom Mieterverein machen gemeinsame Sache. Foto: 
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Michael Voigtländer ist der Autor der Bedarfsanalyse. 2/2
    Michael Voigtländer ist der Autor der Bedarfsanalyse. Foto: 
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Geringes Angebot und hohe Nachfrage, als Folge davon steigende Mieten und hohe Immobilienpreise: So sieht der Wohnungsmarkt in Stuttgart aus. Die Stadtverwaltung hat sich zum Ziel gesetzt, jährlich 1800 Wohnungen pro Jahr zu bauen, um der Knappheit entgegenzuwirken.

Eine Analyse von Professor Michael Voigtländer vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln kommt zu dem Ergebnis: Das ist viel zu wenig. Voigtländer, der an dem Institut das Kompetenzfeld Finanzmärkte und Immobilienmärkte leitet, hat errechnet, dass in der Landeshauptstadt jährlich 5167 Wohnungen gebaut werden müssen, um den Bedarf zu befriedigen. Außerdem sind nach seiner Kalkulation allein 2015 und 2016 in Stuttgart 6000 Wohnungen zu wenig errichtet worden. In Auftrag gegeben und bezahlt haben diese Analyse der Mieterverein Stuttgart und der Verein der Haus- und Grundbesitzer.

Die Vorsitzenden der beiden Vereine, Klaus Lang und Rolf Gaßmann, sehen sich durch die Studie in ihren Einschätzungen mehr als bestätigt. Sie hätten schon seit längerem wiederholt darauf hingewiesen, dass die Zielvorgabe der Stadt von jährlich 1800 neuen Wohnungen zu niedrig sei. Gaßmann: „Das ist losgelöst von jeglicher Realität.“

Deckel über dem Kessel

Er erhofft sich von der Studie, dass die Stadtoberen die vorgegebenen Zahlen überdenken und „den Schalter umlegen“. Bisher sei es so, sagte CDU-Mitglied Lang, dass ein Kartell aus Schwarz und Grün in der Stadt ein Umdenken in der Wohnungsbaupolitik verhindere. Die Mehrheit im Gemeinderat „will einen Deckel über dem Kessel.“

An Wohnungsnot leiden auch andere Großstädte, in Stuttgart sei das Problem aber besonders krass, stellte Voigtländer fest. Er führt den hohen Wohnungsbedarf auf die starke Zuwanderung zurück. Frühere Prognosen zur Bevölkerungsentwicklung seien inzwischen überholt. Wobei die Flüchtlinge selbst im Spitzenjahr 2015 nur die Hälfte der Migranten ausgemacht hätten. Menschen aus Ost- und Südeuropa suchten Arbeit, wo sie ein überproportional großes Jobangebot antreffen. Spürbar sei auch der Zustrom  von Studenten an die Universitätsstandorte.

Was Voigtländer bei Stuttgart auffällt, ist die im Vergleich mit anderen Großstädten  geringe Zahl an genehmigten Bauanträgen. Der Experter: „Stuttgart hat da keine Reserven.“ Rasch mit dem Bauen loszulegen ist deshalb unmöglich.

Lang, einst Erster Bürgermeister von Stuttgart, verlangte ein Umdenken. Den strikten Slogan Innenentwicklung vor Außenentwicklung  „wird man nicht aufrecht erhalten können“, sagte der Vorsitzende von Haus & Grund. Gaßmann sieht das auch so. Beide schlugen vor, mehr in die Höhe zu bauen und an den Siedlungsrändern der Außenbezirken Baugebiete auszuweisen. Lang: „Dort gibt es Flächen.“

Auch Bauernland ist für Gaßmann nicht tabu. „Nicht jeder chemisch überdüngte Acker ist von vornherein schützenswert“, sagte der Mietervereins-Vorsitzende. Ein nachhaltig ausgerichtetes Wohngebiet könne ökologisch wertiger sein als intensiv bewirtschaftete Felder. Lang und Gaßmann forderten auch eine intenisvere Zusammenarbeit mit der Region, wo es erhebliche Baulandreserven gebe.

Den Einwand, die Bauwirtschaft sei nicht in der Lage, 5000 Wohneinheiten pro Jahr zu errichten, lässt Haus & Grund-Geschäftsführer Ulrich Wecker nicht gelten. In Stuttgart fehle es „schlicht und einfach an Bauplätzen“, nicht an der Kapazität der Bauwirtschaft. Und Geld, um zu bauen, sei reichlich vorhanden.

Der Vorstoß zusammen mit dem Mieterverein, so Lang, zeige die Brisanz des Themas. Sein Verband denke langfristig, man habe nicht das kurzfristige Interesse der Vermieter im Auge. Es gehe um die Entwicklung der Stadt. Ohne neue und bezahlbare Wohnungen seien keine Arbeitskräfte zu gewinnen – und die Industrie in Stuttgart benötige dringend Ersatz für ausscheidende Beschäftigte.

Die Fraktion der So­zialdemokraten im Stuttgarter Gemeinderat hat die Verwaltung zu raschen Entscheidungen über die Zukunft des Rosensteinquartiers aufgefordert. Über die Bebauung des Viertels, das frei wird, wenn der Tiefbahnhof in Betrieb geht, hat die Stadt bereits vor zwei Jahren eine informelle Bürgerbeteiligung gestartet. Laut SPD soll es jetzt noch einmal ein Jahr dauern, bis feststeht, was auf dem Gelände konkret geplant ist.

So sollte die Stadt gemeinsam mit der Bahn planen, wie das Gelände modelliert wird. Auch sollte sich die Stadt rasch beim Bau einer von der Bahn geplanten Tiefgarage einschalten. Sonst könnte die Bahn Fakten schaffen. eb

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