Ein Wortgewandter ohne Macht

Tausende suchen seine Nähe, seinen Rat. Bei seiner eigenen Mission, der Verbesserung der Lebensumstände für die Tibeter, sind dem Dalai Lama jedoch die Hände gebunden. Kommende Woche wird er 75.

KLEMENS LUDWIG |

Wenn der Dalai Lama am 6. Juli seinen 75. Geburtstag begeht, wird überall auf der Welt gefeiert, ausgelassen in den Exilgemeinden der Tibeter; verstohlen in Tibet selbst, wo jedes Bekenntnis zu dem exilierten Oberhaupt Gefängnis und Folter nach sich zieht. Die weltweite Popularität des Dalai Lama hat schon lange Kultcharakter erreicht, Prominente aus aller Welt suchen seine Nähe. Jeder möchte etwas von seinem Lächeln, seinem Humor und seinen Weisheiten abbekommen, und so erfüllt sich in dieser Zeit das Vermächtnis seines Namens: "Lehrer des Weltenmeeres". So haben ihn die Mongolen vor über 500 Jahren genannt. Er gilt als erleuchtetes Wesen, das stets aufs Neue freiwillig wiedergeboren wird, um der Menschheit zu dienen.

Der jetzige 14. Dalai Lama Tenzin Gyatso war zwei Jahre alt, als hohe Äbte ihn entdeckten. Anschließend durchlief er eine Klosterausbildung, wurde aber parallel dazu mit 15 Jahren als politisches Oberhaupt eingesetzt. Die Bürde war schwer, wie er sich erinnert: "Als ich die Verantwortung übernahm, war ich ohne jede Erfahrung, wie man mit der Welt umgeht oder wie eine moderne Verwaltung aussieht. Selbst mit unserer eigenen traditionellen Weise zu regieren hatte ich keine Erfahrung."

Hinter dem Humor gerät häufig in Vergessenheit, welche Tragödie das Leben des Dalai Lama bestimmt: Mit 24 Jahren musste er auf der Flucht vor der chinesischen Volksbefreiungsarmee seine Heimat verlassen. Heute sehen sich die Tibeter an den Rand der kulturellen Vernichtung gedrängt. Die politischen Ereignisse haben den Dalai Lama zu einer Figur der Weltpolitik gemacht, zu einem Symbol des gewaltfreien Widerstands gegen die mächtige chinesische Herrschaft.

Die jedoch zeigt sich unbeeindruckt. Seit dem tibetischen Volksaufstand vom Frühjahr 2008 hat sich die Repression noch verschärft; mehr Chinesen denn je siedeln nach Tibet und machen die Einheimischen zur Minderheit im eigenen Land. Dem steht der Dalai Lama machtlos gegenüber. "Seit 1959 bin ich ein Staatenloser, ein Flüchtling und den größten Teil meines Lebens habe ich außerhalb von Tibet als Flüchtling verbracht. Aber das Schlimmste in all den Jahren waren die Nachrichten aus Tibet, fast alles waren traurige Nachrichten."

Die Strategie des Dalai Lama ist kompromisslos-gewaltfrei. Häufig wird er mit Mahatma Gandhi verglichen, doch ihre Vorgehensweise unterscheidet sich; der Dalai Lama lehnt selbst Hungerstreiks ab, denn das sei Gewalt gegen sich selbst.

Der Verzicht auf jedwede Provokation und der Versuch, möglichst viele Menschen zu erreichen, lassen sich nur aus seinem Selbstverständnis als buddhistischer Mönch erklären. Als solcher ist er dem Wohlergehen aller verpflichtet, dem der Chinesen ebenso wie dem der Tibeter; dem der Nicht-Buddhisten wie dem der Buddhisten. Das ist gerade für junge Tibeter schwer nachzuvollziehen und politisch nicht immer klug. Für seine abendländischen Bewunderer liegt darin die Faszination.

Auch seine Forderungen sind moderat. Er verlangt längst nicht mehr die Unabhängigkeit, um Verhandlungen mit Peking zu ermöglichen. Bei einer echten Autonomie solle China die völkerrechtliche Souveränität über Tibet ausüben. Die chinesische Führung honoriert das Entgegenkommen nicht. Stereotyp erklärt sie, der Dalai Lama müsse Tibet als integralen Bestandteil Chinas anerkennen, bevor substantiellen Gespräche möglich seien.

Durch die ausbleibenden diplomatischen Erfolge wird die Autorität des Dalai Lama geschwächt. Der Tibetische Jugendkongress bekennt offen: "Er ist unsere religiöse, aber nicht unsere politische Leitfigur." Die Aktivisten betrachten die Kompromissbereitschaft als Schwäche.

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