Starker Roman über Schostakwotisch

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  • Julian Barnes: Der Lärm der Zeit. Übersetzt von Gertraude Krueger. Kiepenheuer & Witsch, 256 Seiten, 20 Euro. 2/2
    Julian Barnes: Der Lärm der Zeit. Übersetzt von Gertraude Krueger. Kiepenheuer & Witsch, 256 Seiten, 20 Euro. Foto: 
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Die Kunst gehört dem Volk“, das war so eine Parole des Wladimir Iljitsch Lenin, den die Deutschen vor 100 Jahren in einem verplombten Eisenbahnwaggon aus der Schweiz quer durchs Land nach Russland fuhren, auf dass dort die Revolution weiter befeuert werde. Und dass das Zarenreich, gegen das man Krieg führte, dadurch zusammenbreche. Die Revolution in Russland gehört zu den epochalen Ereignissen des 20. Jahrhunderts, und welche Folgen sie hatte, lässt sich auch am Schicksal des Komponisten Dmitri Schostakowitsch ablesen – der Brite Julian Barnes erzählt es in seinem glänzend geschriebenen Künstlerroman „Der Lärm der Zeit“.

„Die Kunst gehört dem Volk“, propagierte Lenin, und sie sollte für die Massen unmittelbar verständlich und erbaulich sein. Aber das Volk, das waren immer nur die Mächtigen und Ideologen der Sowjetunion. Am schlimmsten: Stalin. Der steckte Millionen ins Lager oder ließ die Menschen umbringen, verbreitete Angst und Schrecken. Und wenn ihm etwa eine Oper nicht gefiel, konnte das den Tod für den Komponisten bedeuten.

„Chaos statt Musik“

Im Januar 1936 besuchte Stalin im Moskauer Bolschoi eine Aufführung der „Lady Macbeth von Mzensk“ des noch nicht 30-jährigen, schon international erfolgreichen Schostakowitsch. Und dann erschien in der „Prawda“ anonym der Artikel „Chaos statt Musik“: eine Verdammung des Werks, die öffentliche Hinrichtung des Komponisten. „Seiner Oper sollte der Garaus gemacht werden wie einem kläffenden Hund, der plötzlich den Unmut seines Herrn erregt hatte.“ Gesang sei durch Gekreisch ersetzt worden, hieß es, grob, primitiv und vulgär sei die Musik. Die Angriffe waren persönlich an Schostakowitsch gerichtet: Das reichte, um ihn aus dem Komponistenverband auszuschließen, ihm alle Möglichkeiten zu nehmen, zu komponieren und aufzutreten. Aber es konnte tätsächlich ein Todesurteil bedeuten. Schostakowitsch packt den Koffer, schläft nicht mehr, er sitzt vor der Wohnung und wartet am Lift, bis man ihn abholt, ihn verhaftet.

Schostakowitsch aber entgeht der „Säuberung“, er überlebt mit Glück – doch um welchen Preis? Es ist eine Künstlerexistenz im Zeichen des Terrors, abhängig von der Gunst eines Stalin und seiner Schergen. Schostakowitsch (1906-1975) führt ein ambivalentes Leben in der Sowjetunion, man verbietet den berühmtesten Komponisten und man benutzt ihn auch.

Stalin selbst telefoniert mit ihm, lädt ihn 1948 zu einem Friedenskongress nach New York ein – eine bittere Demütigung. Es wird vielleicht der schlimmste Augenblick seines Lebens sein, Schostakowitsch wird in einer ihm diktierten Rede den im Westen lebenden Kollegen Igor Strawinsky als reaktionären Vaterlandsverräter beschimpfen müssen. Wie kann Schostakowitsch, der kein Held ist, der sich beugt, in dieser Welt trotzdem weiter kreativ sein? Wegen seiner Musik. Ist es verwerflich, sich der Macht zu beugen, nur um weiter arbeiten zu können? „Was konnte man dem Lärm der Zeit entgegensetzen? Nur die Musik, die wir in uns tragen.“ Also die Musik, „die sich, wenn sie stark und wahr und rein genug ist, um den Lärm der Zeit zu übertönen, im Laufe der Jahrzehnte in das Flüstern der Geschichte verwandelt.“

Julian Barnes ist es gelungen, die Seele Dmitri Schostakowitschs dem Leser zu öffnen. 1936, 1948, 1960 – in drei Zeitfenstern begegnet einem dieser verzweifelte, tief pessimistische Mensch, der so unerhört emotionale Musik schrieb. Wobei Barnes keinen Ich-Erzähler auftreten lässt, sondern die Er-Perspektive wählt: Es ist ein mehr als 200 Seiten langes Selbstgespräch Schostakowitschs. Eine bittere, auch mal ironische Selbstreflexion, basierend auf gut recherchierter Quellenlage. Barnes formuliert knapp; die deutsche Übersetzung Gertraude Kruegers liest sich hoch literarisch.

Es ist die Geschichte eines Komponisten, dessen Musik so politisch-historisch bewertet worden ist und wird wie die kaum eines anderen. Man hört sie anders nach diesem Roman. „Seine Hoffnung war, der Tod werde seine Musik befreien: befreien von seinem Leben.“ Einfach nur Musik.  Und sie gehört nicht dem Volk, sondern „letzten Endes der Musik“. Barnes’ Roman ist vielleicht auch eine Ästhetik des Widerstands.

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