Musik für 900 Fernsehfolgen: Interview mit TV-Komponist Sean Callery

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    Seit 2011 läuft die Hit-Serie „Homeland“. Sean Callery hat die Musik zu jeder Folge geschrieben. Foto: 
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    Sean Callery: Zu viel Ego stört in diesem Job. Foto: 
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Wer Fernsehen schaut, hat Sean Callerys Musik gehört. Aber nur wenige kennen seinen Namen. Callery gehört seit 20 Jahren zu den fleißigsten TVKomponisten Hollywoods. Bereits die Aufzählung seiner erfolgreichsten Serien vermittelt einen Eindruck davon, wie viele Stunden Musik dieser Mann komponiert hat: „Nikita“, „Elementary“, „Bones – Die Knochenjägerin“, „Jessica Jones“ und „Inhu­mans“ – sowie vor allem die Riesenhits „24“ und „Homeland“.

Mr. Callery, laut Internet Movie Database haben Sie Musik für rund 900 TV-Episoden geschrieben . . .

Sean Callery: Das klingt verrückt. Könnte aber stimmen. Darüber habe ich tatsächlich noch nie nachgedacht. Wow.

Wie finden Sie den richtigen Ansatz, wenn Sie mit einer Serie beginnen?

Man erzählt eine Geschichte, auch als Komponist. Egal, ob Fernsehen oder Kino, es ist ein Zusammenspiel aus Buch, Regie, Schauspiel, Kamera, Musik – und jeder dient der Geschichte. Man muss sich also hineindenken und musikalisch das finden, was diese Story noch wirkungsvoller macht. Ich arbeite manchmal schon an Melodien, bevor ich einen Film zum ersten Mal sehe – ich folge meinem Kopfkino. Aber man muss oft experimentieren.

Was muss die Titelmusik leisten?

Früher machten Titelmusiken richtig Spaß, viele konnte man mitsummen. Wie eine Mini-Ouvertüre, die einem in die richtige Stimmung versetzt. Dann wurden die Vorspänne immer kürzer . . . wie soll man in zehn Sekunden einen Eindruck hinterlassen? Mittlerweile ist es im Qualitätsfernsehen wieder besser, in „Jessica Jones“ und „Homeland“ ist es mindestens eine Minute.

Wie viel Zeit haben Sie, um die Musik für eine Folge zu schreiben?

Manchmal nur fünf Tage für komponieren, aufnehmen, mischen.

Das heißt, Sie können nicht auf die große Inspiration warten . . .

Man hat keine Zeit, brillant zu sein. Aber man kann doch Hervorragendes leisten, wenn man unter Druck steht. Denn dann muss man intuitiv funktionieren. Es ist natürlich ein Luxus, wenn man mehr Zeit hat – aber ehrlich gesagt tut mir der Druck gut. Ich fange einfach an und schaue, dass ich den Job hinbekomme. Denn wenn ich einen Film zum ersten Mal sehe, habe ich starke spontane Reaktionen und Emotionen, und die geben mir eine gute Richtung vor.

TV-Musik ist funktionale Musik. Was ist mit Ihrem Ego als Komponist?

Ich will es so ausdrücken: Bei allem, was ich musikalisch mache, versuche ich, authentisch zu bleiben. Wenn es das nicht ist, wenn es unfokussiert, nicht durchdacht wirkt, dann taugt es nicht. Ja, man muss als Filmkomponist ein Stück weit selbstlos sein. Es ist Kunst, es ist Handwerk, aber man dient einer Sache. Zu viel Ego stört da, zumindest muss man stets offen sein und ein Teamplayer.

Wie viel Musik komponieren Sie für eine Folge?

Am meisten Musik hatte „24“, da war es manchmal fast durchgehend, also 42 Minuten. Persönlich mag ich das nicht so sehr, weil es dann schwerer wird, dass die Musik noch wirkt. Wenn man Filmmusik sparsamer und sorgfältig einsetzt, kann sie viel effektiver sein. Aber für „24“ war das der richtige Weg: Die Musik musste diesen Zeitdruck, dieses Echtzeit-Tempo vermitteln.

„Homeland“ hat viel weniger Musik.

Oft nur 15 bis 18 Minuten pro Folge – und trotzdem ist es der schwierigste Job. Denn die Produzenten haben eine Abneigung gegen Melodie. Doch wie schreibt man emotionale Musik ohne Melodien? Das ist mal eine Aufgabe! Immer, wenn es den Produzenten zu melodiös, zu ausgeschmückt ist, muss ich einen anderen Weg finden, ohne unauthentisch zu werden. Und dabei muss es trotzdem die richtige Energie haben und alle notwendigen Emotionen bedienen. Aber es ist eine gute Herausforderung, weil man aus seiner Komfortzone heraus muss.

Sie müssen viele Stile beherrschen. Wie wichtig ist es, ein breites handwerkliches Fundament zu besitzen?

Alles, was man kann und weiß, hilft. Ich habe eine klassische Ausbildung, im College habe ich Jazz-Klavier gespielt, das nützt mir jetzt bei „Marvel‘s Jessica Jones“. Ich war Musiker in Disneyworld, war musikalischer Leiter von Olivia Newton-Johns Show . . . alles hilft.

Wie groß ist Ihr Team?

Ich habe einen Assistenten, der Vollzeit für mich arbeitet. Und andere jüngere Komponisten, die mit mir zusammenarbeiten – die ihre eigenen Karrieren haben, mich aber unterstützen.

Sie haben in der Branche Kollegen, die gleichzeitig Musik für sechs Serien komponieren. Wie geht das?

Nicht alle Serien werden parallel produziert und nicht alle haben wie früher 22 Episoden pro Jahr, bei manchen sind es nur zehn. Aber gibt es trotzdem Konflikte, Überschneidungen, Stress? Ganz sicher! So hat sich das Geschäft eben entwickelt.

Haben Sie einen Traumprojekt?

Ich bin mit Musicals aufgewachsen. Ich würde es lieben, eines zu schreiben. „24 – The Musical“ (lacht).

Komponist Sean Callery, 1964 in Hartfort (Connecticut) geboren, lernte Klavier, Posaune und Tuba und wurde am New England Conservatory of Music ausgebildet. 1987 zog er nach Los Angeles, um für die Firma New England Digital zu arbeiten, die das digitale Synclavier baute. 1996 wurde er als Komponist für die Serie „Nikita“ engagiert. Drei Emmy gewann er für die Serie „24“, einen vierten fürs Thema von „Marvel’s Jessica Jones“.

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