Karl Schmidt-Rottluff im Ravensburger Kunstmuseum

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Schmidt-Rottluffs Gemälde „Akte in den Dünen“ (1913).  Foto: 

Dieser von Karl Schmidt-Rott­luff angezettelte Farbenrausch –  man kann auch von einem gewaltigen Farbgewitter sprechen – ist nun wirklich ein opulentes Abschiedsgeschenk für die Direktorin des Ravensburger Kunstmuseums, Nicole Fritz. Genau genommen hat sie sich selbst beschenkt: Nach siebenjähriger Tätigkeit wechselt sie zum Jahresende an die Tübinger Kunsthalle, und ihre letzte Ausstellung in Ravensburg hat sie zusammen mit Christiane Remm vom Berliner Brücke-Museum kuratiert.

Bei der Zusammenstellung der Schmidt-Rottluff-Schau hatte Fritz natürlich immer im Hinterkopf, dass sie speziell den Expressionisten in der hauseigenen Sammlung Selinka eine größere, also möglichst eine ganz große Bühne bereiten wollte. Mit Emil Nolde, Otto Mueller und Max Pechstein hat sie das schon höchst erfolgreich vorexerziert, aber jetzt setzt sie mit den Arbeiten von Schmidt-Rottluff einen besonderen Höhepunkt.

Revolutionäre Kraft

Das Ganze beginnt zunächst wie eine Lehrstunde in Malerei oder eher wie ein Lehrstück über die emotionsgeladene expressionistische Malerei. Wie sich da dieser aus der Umgebung von Chemnitz stammende Maler Karl Schmidt-Rott­luff (1884–1976) in seinen ersten Schaffensjahren dank einer Einflüsterung aus der Ecke der vorwiegend französischen Neoimpressionisten aus einer ziemlich akademisch verankerten naturalistischen Umklammerung herausarbeitet, das ist schon verblüffend zu beobachten.

Schmidt-Rottluffs Arbeiten nach der Jahrhundertwende zeigen dann den ungeheueren Einfluß eines Vincent van Gogh auf den deutschen „Brücke“-Expressionisten, auch Gauguins überirdische Südseephantasien und schließlich auch die Landschaftszertrümmerungen eines Paul Cézanne und der Kubismus eines Pablo Picasso beförderten Schmidt-Rottluffs Pinselführung enorm.

Was diese großen Lehrmeister aber nicht bewirken konnten, das war dieser bei den deutschen Expressionisten so revolutionäre Umgang mit Farben und Formen. Viele sehen in Schmidt-Rottluff, der ja Architektur studiert hat, einen streng nach Plan arbeitenden Bildingenieur, dessen Komposition nicht auf einer Leinwand, sondern auf einem Reißbrett zu entstehen scheint.

Am Beispiel der 1954 gemalten „Villa am Kapellenberg“ wird deutlich, wie hier wuchtige mit Farbe angefüllte und mit fingerdicken Konturlinien versehene Formblöcke Haus, Baum, Berg wie bei einem Puzzle in stimmige Verhältnisse gebracht werden. Und das Erstaunliche ist, dass diese vermeintlichen Reißbrettbilder beim Betrachter einen solchen Emotionsschub auslösen, dass man glaubt, die ganze Szenerie würde gleich auseinanderplatzen und explodieren. Bei einem Selbstporträt von 1950 hat man sogar den Eindruck, Schmidt-Rott­luff habe mit Leuchtfarben hantiert. Verwunderlich ist nur, dass sich dieser Chemnitzer Maler trotz all seiner Meriten immer noch keinen ausgewiesenen Spitzenplatz im Expres­sio­nisten-Olymp erobern konnte.

Ausstellung Die Schau „Karl Schmidt-Rottluff – Das Rauschen der Farben“ ist bis 8. April 2018 im Kunstmuseum Ravensburg zu sehen.
Di-So 11-18, Do bis 19 Uhr;
www.kunstmuseum-ravensburg.de

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