Mehr als im Buche steht

Biberach.  Eine Stadtbibliothek, wie es im Buche steht? Hat heute viel mehr zu bieten als Bücher. Die Stadtbücherei Biberach ist ein hochmodernes Medien- und Informationszentrum - und daher die "Bibliothek des Jahres".

Eine Bibliothek, die Kunstwerke und E-Books verleiht. Eine Bibliothek, die eine Zweigstelle im Schulzentrum eröffnet. Eine Bibliothek, die ihren Kunden drei Tage vor Ende der Leihfrist eine Erinnerungs-SMS schickt. Die ein "Musicland", Kuschelecken und eine rund um die Uhr geöffnete Rückgabeklappe hat. Das und mehr bietet das Medien- und Informationszentrum Biberach (MIZ).

Für die "seit Jahren exzellenten Leistungsergebnisse bei permanenter kreativer Neuausrichtung" erhielt das MIZ im Herbst die Auszeichnung als "Bibliothek des Jahres" vom Deutschen Bibliotheksverband und der Zeit-Stiftung. Die Biberacher entwickelten höchst erfindungsreich und flexibel immer wieder neue Angebote und Produkte und passten die konsequent an die Bedürfnisse ihrer Kunden an.

"Das Altehrwürdige war nie mein Ideal", sagt Bibliotheksleiter Frank Raumel. Lachend erzählt er davon, dass er während seines Studiums davon geträumt habe, "eine Bücherei mit einem Hallenbad zu kombinieren". Nun, so weit ist er nicht gegangen. Und die Gemäuer des MIZ sind ja durchaus "altehrwürdig": Das Gebäude am Rand der Altstadt stammt aus dem frühen 16. Jahrhundert, diente einst als Schranne. Raumel liebt die "tolle Atmosphäre", nur in Sachen Helligkeit und Bausubstanz sei nicht alles ideal. Doch innen herrscht, trotz Wandschrägen, Holzbalken und schmalen Fenstern, modernes Denken und Handeln vor.

Wer im Computer-Katalog ein Buch sucht, bekommt nicht nur eine Regal-Nummer, sondern auch einen Lageplan mit Standort gezeigt. Wer etwas ausleiht, legt seinen Stapel auf einen elektronischen Ausleihtisch, identifiziert sich mit seinem Ausweis - fertig. Die Rückgabe erfolgt automatisch per Fließband, dank Funk, genauer: radiofrequenter Identifikations-Technik. Eine Rückgabeklappe an der Außenseite des Gebäudes ist zu jeder Tages- und Nachtzeit zu Diensten, auch am Wochenende. 150 bis 200 Bücher liegen jeden Morgen dort.

Diese Automatisierungen führten aber nicht, wie andernorts, zum Personalabbau. Freiwerdende Kapazitäten werden für besseren Kundenservice genutzt. So wurden die Öffnungszeiten 2008 von 30,5 auf 40 Wochenstunden erhöht, die Programme ausgebaut: Es gibt gut 40 Angebote, vom Lesetreff für Kleinkindeltern über die "Bibliothek für Dummies" bis zur Krimiführung.

"Lebenslanges Lernen" steht an Leitz-Ordnern in Raumels Büro. Kein Wunder, dass er die 30 000 Euro Preisgeld als "Bibliothek des Jahres" dazu verwendet, um Kindergärten und Schulen Buchpakete zu schenken. Dazu wird die Zusammenarbeit in der Leseförderung immer weiter ausgebaut. Zwei Drittel aller Biberacher Kindergärten, drei Viertel aller Schulen sind Kooperationspartner des MIZ. Am Biberacher Schulzentrum mit zwei Gymnasien hat das MIZ gar eine veritable Zweigstelle samt Recherche-Zentrum eröffnet. 24 000 Medien soll es dort einmal geben. Dieses Projekt hat die Preis-Jury besonders begeistert.

Die Ehrung kam nicht von ungefähr. Bereits zum fünften Mal standen die Biberacher 2009 in der Kategorie "Städte zwischen 30 000 und 50 000 Einwohnern" auf Platz eins des nationalen Bibliotheksindex. Die Zahl der Ausleihen ist seit den frühen 90er Jahren - also seit der Einführung der EDV - von knapp 150 000 auf zuletzt 553 000 gestiegen; auch von 2008 bis 2009 gab es wieder 6,2 Prozent Wachstum.

Die Bücherei verfügt über 76 000 Medien, 8500 wurden vergangenes Jahr angeschafft. 18 Prozent davon gehören zum Non-Print-Bereich, sind also CDs, DVDs und andere Medien. Stattliche 32 Prozent sind Kinder- und Jugendbücher. Im MIZ gibt es sogar Kunst: eine "Artothek" mit rund 400 Original-Werken von regionalen, aber auch berühmten Künstlern wie Uecker und Christo. Ein halbes Jahr darf man sich die an die heimischen Wände hängen.

"Unser Medienetat ist zum Glück stabil", sagt Raumel. In Bibliotheken gilt allgemein: Alle zehn Jahre sollte der Bestand komplett erneuert sein. "Aber allerhöchstens zehn Jahre", findet der 51-Jährige, "ein attraktiver Medienbestand ist die Grundlage unserer Arbeit." Man könne nicht einfach mal zwei Jahre sparen, "die Lücke wäre nie mehr aufzuholen. Vor allem in Sachen Image und Kundenerwartung."

Internet-Ecken, Lesecafé, etliche gemütliche Nischen: "Die Menschen wollen Wohnzimmer-Atmosphäre", weiß Raumel. Er sieht und gestaltet sein Haus als "Wohlfühlplatz, als Treffpunkt und Aufenthaltsort fürs städtische Leben". Mit Erfolg: Jeder fünfte Besucher hält sich länger als eine Stunde in der Biberacher Bibliothek auf; Mitte der 90er war es nur jeder Achte.

Und Frank Raumels Vision? "80 Stunden Öffnungszeit!", sagt er. 40 Stunden betreut, also mit vollem Service, 40 nur mit Aufpass-Personal. "Die Idee ist nicht vom Tisch, das ist technisch machbar." Und alles technisch Machbare ist dem MIZ ohnehin zuzutrauen.


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Autor: MAGDI ABOUL-KHEIR | 06.02.2010

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