Die Zuhörer sollen die Psalmen "kauen"

Bad Ditzenbach.  Die Alte Dorfkirche Bad Ditzenbach bietet als Kulturhaus den Rahmen für Konzerte, zeigt aber deutlich ihre religiöse Geschichte. Umso passender waren am Sonntag die "Abendgesänge" der Gruppe Entzücklika.

Bei dem Ensemble Entzücklika, das am Sonntagabend in der Bad Ditzenbacher Alten Dorfkirche zu hören war, lösen sich Grenzen zwischen Konzert und Gottesdienst auf. Die rund 80 Besucher wurden in liturgisch anmutender Weise begrüßt, als die Musiker singend in einer kleinen Prozession von hinten einzogen: "Wie freute ich mich, als man mir sagte, wir ziehen zum Haus des Herrn", war erstes Lied und roter Faden des Abends.

Dass dies kein Konzert wird, bei dem sich der Zuhörer bequem zurücklehnt, wurde schon beim Austeilen des Liederbuchs klar. Mitsingen war immer wieder ein selbstverständlicher Part der Besucher; vieles war einfach und konnte sofort mitgesungen werden, komplexere Melodien wurden durch Vor- und Nachsingen spielerisch nahegebracht. Bei alledem herrschte eine entspannte Wohnzimmer-Atmosphäre, in der selbst der erste Schreck über ein zufälliges Jagdhorn-Ständchen vor der Kirche in amüsiertes Lachen mündete.

Die Lieder von Entzücklika vertonen nicht nur eigene und fremde Texte, sondern oft Psalmen, welche die Zuhörer und Mitsänger durch das Musizieren "kauen" sollen, "ob und wie es schmeckt." Die verschiedensten Geschmacksrichtungen insbesondere des Psalms 27 zeigte Alexander Bayer, Liedermacher, Sänger und Keyboarder, zwischen den Musikstücken auf: Bibelausdeutend, alltagstauglich und vor allem unaufdringlich.

Ereignisse von vor 2000 Jahren und das "Jetzt" kamen zusammen, wenn er vorschlug, das bekannte Taizé-Lied "Laudate omnes gentes" nun gemeinsam für alle Sünder und Verletzte und "für alle die schrägen Vögel aus meiner Nachbarschaft" zu singen, oder wenn sich auf seine Einladung hin alle erhoben, um im nächsten Lied fröhlich auf lalala zu improvisieren, sorglos "wia d Kender uff dr Gass".

Bemerkenswert, wie das durchaus nicht jugendliche Auditorium anfangs zaghaft, aber zunehmend mutiger sich auf diese musikalischen Impulse einließ, Neues und Altbekanntes nach- und mitsang und auch spontan mehrstimmig improvisierte. Selbst komplexere Klatschrhythmen beim Entzücklika-Klassiker "Es werde Licht" oder die kleine Choreografie "Steht auf!" wurden dank der umsichtigen Anleitung durch die Sängerin Maria Sailer erfasst und mit fröhlichem Lachen quittiert.

Der Abend geriet jedoch nicht zu einem Mitmachkonzert. Instrumentalstücke brachten auch ohne Worte die Sehnsucht nach Angenommensein zum Ausdruck, vor allem die Blockflöten von Katja Imsel. Ihr ruhiger Ton wie auch die Virtuosität auf der ganzen Flötenfamilie von Bassflöte bis Sopranino standen immer im Dienst der Musik. Auch die Solosängerin Maria Sailer berührte mit ihrer klaren Stimme und ihrem wortbezogenem Gestus, erhob aber nie den Anspruch, im Mittelpunkt zu stehen. Die Sängerinnen Anita Zacher, Karin Reinalter, die junge Johanna Reinalter an der Querflöte sowie Ulrich Weber an der Gitarre zeigten sich, bei allem individuellen Können, immer als Teil des Ganzen. Daher rührt auch die beeindruckende Geschlossenheit des Klanges, obwohl das Ensemble neben einem festen Kern wechselnde Mitspieler hat.

Die Harmonie von Klang, Musik, Text und Glaubenszeugnis begeisterte. Diese Begeisterung entlud sich am Ende in einem großen Applaus mit Standing Ovations. Statt einer Zugabe sangen dann Musiker und Gäste gemeinsam, während das Ensemble auszog; der letzte Dank richtete sich demnach an Gott. Das anspruchsvolle Ensemble blieb sich somit in sympathischer Bescheidenheit bis zuletzt treu.


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Autor: CHRISTINE GEIER | 16.06.2010

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