Bußaufruf an die Kirchen
Bad Boll. Im Stillen ist Dierk Schäfer, früherer Studienleiter an der Akademie Bad Boll, seit Jahren ein Anwalt für ehemalige Heimkinder. Jetzt geht er an die Öffentlichkeit - mit einem Bußaufruf an die Kirchen.
Kinder, die Erbrochenes essen mussten, misshandelt oder in Einzelfällen missbraucht wurden, Zwangsarbeit leisten mussten, täglichen Schikanen ausgesetzt waren und als gebrochene Menschen ins Leben ausgespien wurden: Für Dierk Schäfer ist es keine Frage, dass sich in Kinderheimen in der Nachkriegszeit bis in die 70er Jahre "eines der dunkelsten Kapitel der Bundesrepublik" abspielte. Er selbst hat im Laufe der letzten zehn Jahre mit etwa 30 bis 50 Opfern Kontakt gehabt, ausgehend von einer Tagung über Kriegskinder an der Evangelischen Akademie, und ist mit etlichen im Gespräch geblieben. Grauenvolles hat er gehört: "Das ging bis zu Menschenversuchen: In Tübingen hat man einen Bettnässer mit Elektroschocks ,behandeln wollen, dabei sind seine Geschlechtsteile verschmort." Und gar nicht so weit vom Raum Göppingen entfernt, in einem Steinbruch auf der Alb, soll es zu Zwangsarbeit von Heimkindern gekommen sein, bei dem ein Kind ein Bein verloren habe. Das sei nur die Spitze des Eisbergs. "Zerstörerisch für die Kinderseelen war allein schon die ständige Demütigung und der immer wieder geäußerte Vorwurf: ,ihr taugt nichts", weiß er.
Eine Aufarbeitung der Vorfälle ist in Gang gekommen. Seit Januar tagt bundesweit ein runder Tisch. Aber der sei unglücklich gestartet, weiß Schäfer, der bei der Anhörung zur zweiten Sitzung dabei war, "weil von vornherein die Frage der Entschädigung ausgeklammert wurde." Die Opfer, naturgemäß voller Misstrauen in alle Institutionen, gäben nicht viel drauf. Schäfer selbst geht das auch viel zu zäh, er hat den runden Tisch anfangs fast als "Schwarzes Loch" empfunden und will nun Druck machen: mit einem öffentlichen Aufruf an die Kirchen in Deutschland. Denn die hätten die meisten Heime betrieben und müssten, nach allem was man wisse, mehr gravierende Vorfälle mitverantworten als staatliche Heime. Wobei es unglaublich schwierig sei, einen Überblick zu bekommen, weiß Schäfer. "Wir wissen nicht, wie viele üble und wie viele ordentlich geführte Heime es gab, wir kennen noch nicht einmal die Gesamtzahl der Kinderheime."
Schäfer ergreift nun die Initiative als einer, der für viele ehemalige Heimkinder eine Vertrauensperson geworden sei. Er will die Kirchen, die bisher nicht über zahlreiche Bekundungen von Betroffenheit hinausgegangen seien, zu einem Bekenntnis ihrer "übergroßen Schuld" zwingen. Der Pfarrer im Ruhestand ruft "die beiden großen Kirchen, die katholische wie die evangelische, dazu auf, in einem öffentlichen Akt Buße zu tun." Dazu gibt er ihnen ein Jahr Zeit. Sinnvoll wäre der Buß- und Bettag 2010, sagt er, alternativ auch der 28. Dezember 2010, der Tag der "Unschuldigen Kindlein". Für die Kirchen gehe es dabei auch um ihre Glaubwürdigkeit.
Bei der Buße allein soll es aber nicht bleiben, fordert Schäfer. Die Kirchen müssten sich an die Spitze der Entschädigungswelle setzen, und dabei gehe es um dreierlei: Rentenbeiträge für geleistete Zwangsarbeit, Therapiekosten für Opfer, soweit sie nicht von der Krankenversicherung gedeckt würden, und individuelle Entschädigung. Auch zur Aufklärung der Taten stellt Schäfer eine Forderung: Wenn Misshandlungen in einem Heim an drei Fällen belegt seien, solle das Heim beweisen, dass es andere Kinder nicht misshandelt habe.
"Schwarze Pädagogik" sieht der ehemalige Studienleiter hinter dem Abgrund an Menschenverachtung in Heimen, Machtphantasien von "Underdogs" über noch tiefere "Underdogs" und ein Klima, in dem sich niemand für Heimkinder interessierte. "Da hat sich ein Anstaltsleiter damit gebrüstet, dass er staatliche Hilfe möglichst nicht in Anspruch genommen hat."
@
dierkschaefer.wordpress.com
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Autor: JÜRGEN SCHÄFER | 03.12.2009
Ein Anwalt ehemaliger Heimkinder: Der frühere Bad Boller Studienleiter Dierk Schäfer sieht die Kirchen in der Pflicht, sich zu ihrer historischen Verantwortung zu bekennen und für Entschädigungen einzutreten. Foto: Jürgen Schäfer
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Kommentare (7)
Bußaufruf an dieKirchen
Lieber Herr Schäfer,es ist wichtig, dass es Menschen wie Sie gibt, die im Dienste der Kirche stehen und sich dennoch den kritischen Blick bewahrt haben. Nicht weggeschauten als sie hörten was in der damaligen Zeit der schrecklichen Heimerziehung geschah, sondern verstanden, dass es in einem christlichen Verständnis nur einen Weg geben
kann - und dieser lautet sich für die Opfer der damaligen Heimerziehung- in dem Verstehen dieser Zeit - zu engagieren.
Ich möchte mich an dieser Stelle für dieses Engagement bedanken und besonders Danke Ich Ihnen für Ihren intensiven Blick Richtung Volmarstein.
Liebe Grüße Erika Tkocz
ein Bußaufruf an die Kirchen
Lieber Herr Schäfer,es ist wichtig, dass es Menschen wie Sie gibt, die im Dienste der Kirche stehen
und sich dennoch den kritischen Blick bewahrt haben. Nicht weggeschauten
als sie hörten was in der damaligen Zeit der schrecklichen Heimerziehung geschah,
sondern verstanden, dass es in einem christlichen Verständnis nur einen Weg geben
kann -und dieser lautet sich für die Opfer der damaligen Heimerziehung- in dem Verstehen l dieser Zeit -zu engagieren.
Ich möchte mich an dieser Stelle für dieses Engagement bedanken und besonders Danke
Ich Ihnen für Ihren intensiven Blick Richtung Volmarstein.
Liebe Grüße Erika Tkocz
Bußaufruf Dierk Schäfer
Dank, einem Mann der Öffentlichkeit, dem Schadensbegrenzung in Sachen Aufarbeitung der Verbrechen in den Heimen völlig fremd ist, der sich vor drei Jahren auf die Seite aller Heimopfer gestellt hat und mit ihnen für Entschuldigung, Wiederherstellung der Würde und Wiedergutmachung kämpft; ihm, der das Kreuz Jesu Christi immer wieder gerade biegt, wenn andere in das Kreuz hineintreten, - herzlichen Dank: Herr Pfarrer Dierk Schäfer.Jeder Mensch mit Herz unterschreibt diesen Bußaufruf! Wer wissen will, wieviel Gewalt vor 40 bis 60 Jahren in bundesdeutschen Heimen geschah, google einmal: Johanna-Helenen-Heim.
Helmut Jacob
3.12.2009