"Wir können uns immer neu erfinden"

Bad Boll.  Zwei Frauen, ein Kind: Natalia Matter und Mareike Augustin-Matter sind ein Paar und haben einen Sohn. Sie haben ihr Glück in einer lesbischen Beziehung gefunden und kamen erneut zur Lesbentagung in Bad Boll.

Wir haben zwar einige mehr als homosexuell geoutete Politiker, Medienleute, Künstler, als vor einigen Jahren: Klaus Wowereit, Guido Westerwelle, Anne Will, Beth Ditto - die Liste ließe sich verlängern. Dennoch ist Homosexualität für viele immer noch ein schwieriges Thema. Wir stellen heute ein lesbisch lebendes Paar vor, das den Mut hatte, auf der Lesbentagung in der Akademie Bad Boll Gesicht zu zeigen.

Sie sind eine Regenbogenfamilie: die Journalistin Natalia Matter (36 Jahre), die Ergotherapeutin Mareike Augustin-Matter (33 Jahre) und ihr eindreivierteljähriger Sohn. Das Paar hat sich bereits vor acht Jahren kennen- und liebengelernt - an einem besonderen Tag: "Auf dem Christopher Street Day (CSD) in Frankfurt", berichtet Matter.

Augustin-Matter war schon lange vor dieser Liebesbeziehung geoutet, sodass es damals keine Probleme mit einem Coming-Out gab. Sogar eher im Gegenteil, erklärt die 33-Jährige. Die Beziehung habe dem Ganzen ein Gesicht gegeben: Das Gesicht einer konkreten netten Freundin hat es auch dem Vater einfacher gemacht, die Homosexualität seiner Tochter zu verstehen.

Auch Matter war zum Zeitpunkt der Beziehung schon "out" - wie man das Coming-Out homo- oder bisexueller Menschen bezeichnet. Da Mareike damals ihre erste Frauenbeziehung war, mussten einige Freunde sich zunächst daran gewöhnen - allerdings mehr an den Menschen Mareike, als an das Geschlecht. "Wir haben beide sehr viel Glück: Wir haben beide ein soziales Umfeld, in dem das überhaupt kein Problem ist. Auch bei der Arbeit stellt das Thema nach wie vor kein Hindernis dar."

Natalia Matter hat ein positives Verhältnis zur Kirche: "Ich bin ein sehr gläubiger Mensch. Durch solche Veranstaltungen wie die Lesbentagung in Bad Boll, habe ich mich der Kirche noch weiter angenähert." Sie habe auch nie mit den beiden nur scheinbar konkurrierenden Identitäten als Homosexuelle und Christin Probleme gehabt. Als sie sich das erste Mal in eine Frau verliebt habe, habe sie sich nur glücklich gefühlt und gedacht: "Das ist das, was passt."

Heutzutage haben sie als lesbisches Paar das Glück, dass sie keine Rollenvorgaben haben. "Als Paar oder auch als Familie können wir uns immer neu erfinden", sagt Matter, und fügt hinzu: "Es gibt wenig Vorbilder, weniger Orientierung, aber auch weniger Halt. Für uns ist das eine Chance!"

Bezüglich der Erfüllung eines Kinderwunsches gibt es für lesbische Paare folgende Möglichkeiten, schildert das Paar: Insemination (das geht nur in einigen europäischen Nachbarländern) oder mit (schwulen) Bekannten eine gemeinsame Lösung finden. Es gibt dafür einige Foren im Internet, wo man sich austauschen kann, berichtet die Journalistin. "Oder: Sich mit einem Mann, der gern ein bisschen Vater wäre, zusammentun", erklärt die 36-Jährige. "Das Wichtigste dabei ist, dass man sich als Paar einig ist, und dass man das dem zukünftigen Kind gegenüber gut vertreten kann." Für das Paar war entscheidend, dass ihr Sohn seinen Vater kennenlernen kann.

Augustin-Matter kennt aber auch Krisenzeiten. Sie berichtet von ihrer krisenhaften Selbstfindung in der Pubertät. "Ich komme aus einer kleinen Stadt, wo es das Thema überhaupt nicht gab." Damals gab es auch noch nicht so viele Möglichkeiten im Internet, die heute die Kontaktsuche erleichtern. "Man findet dort heutzutage Anlauf- und Kontaktadressen in allen größeren Städten", erzählt sie. "Da merkt man, dass man nicht alleine ist." Immer wieder Anschluss suchen, immer wieder einen Anfang versuchen und sich nicht einreden lassen, dass die eigene Homosexualität falsch ist.

An der Lesbentagung der Akademie Bad Boll schätzen Mareike und Natalia vor allem, dass man ganz viele verschiedene Frauen unterschiedlichen Alters trifft. "Bad Boll ist ganz offen und die Teilnehmerinnen begegnen sich in respektvoller Neugierde", so Augustin-Matter, und fügt hinzu: "Deshalb sind wir jetzt zum fünften Mal hier."


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Autor: SANDRA THURNER | 22.12.2010

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