"Wer bin ich mit der Krankheit?"

Bad Boll.  Die Evangelische Akademie Bad Boll wird zum zweiten Mal Treffpunkt für Parkinson-Kranke aus dem weiten Umkreis. Die Parkinson-Selbsthilfegruppe bietet ein besonderes Forum - für Leib und Seele.

Die Stimme von Gottfried Lutz ist leise und heiser, sein Lächeln schmal. Sein Gang ist etwas staksig, die Beine schleichen über den Boden. Gottfried Lutz hat seit 13 Jahren Parkinson, seit zwei Jahren leitet er die Selbsthilfegruppe Göppingen. Dafür ist der 66-Jährige der richtige Mann: Als Pfarrer und Psychotherapeut weiß er, was Kranke brauchen. Nicht nur die Medizin, sondern auch die Kraft, das Leben weiterhin zu gestalten.

Gottfried Lutz, so scheint es, hat sein Schicksal angenommen. Aber er widerspricht. "Es ist Unsinn, dass der Mensch mit etwas fertig werden kann." Er bewältige die Einschränkungen, mit denen er geschlagen ist, nach dem Prinzip von Widerstand und Ergebung. Aufbegehren und sich dann auch wieder dreinschicken. Diese Krankheit - das ist einimmerwährender Rückschritt. "Man kann nur das Fortschreiten der Krankheit verlangsamen", sagt er. Zittern, Lähmungen, Verlangsamung der Körperbewegungen - das sind die Leitsymptome von Parkinson. Autofahren geht nicht mehr, weil die Reaktionsfähigkeit nachlässt. Die Verbindung zur Außenwelt wird mühsam. Gleichzeitig können Depression, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen am Selbstbewusstsein nagen. Auch deswegen ist ein Parkinson-Kranker zunehmend auf Angehörige angewiesen. Die Göppinger Selbsthilfegruppe hat eigens eine Angehörigen-Gruppe, die sich sechs Mal im Jahr trifft.

"Wie mich die anderen sehen und wie ich reagiere": Mit diesem Thema will Lutz seinen Leidensgenossen beim zweiten Parkinson-Tag Orientierung geben. "Wer bin ich mit der Krankheit" - das ist für ihn eine zentrale Frage. Die Selbstfindung nach dem Schock, dass man Parkinson hat. Lutz selbst ist damals, als er von seiner Krankheit erfuhr, gleich los zum nächsten Einkaufstempel und hat sich dabei prompt einen Strafzettel eingehandelt. Er wollte sich beweisen, dass er noch alles im Griff hat.

Medizinische Themen gibt es auch - aber wohldosiert und verträglich - "keine Statistiken, die sich niemand merken kann", flachst Lutz. Was kann man gegen Schlafstörungen tun, die Parkinson mit sich bringt? Und welche Probleme gibt es, wenn zu Parkinson noch andere Krankheiten kommen?

Sodann wird Gymnastik geboten - unabdingbar bei Parkinson. Die Göppinger Selbsthilfegruppe bietet jeden Freitag Gymnastik an. Und noch eine andere Therapie wird eingeblendet: Schreien, das Schreien üben für die schwach gewordene Stimme. Es war für Lutz ein Erlebnis, als beim ersten Parkinson-Tag 160 Teilnehmer gemeinsam losgeschrien haben. "Das war ein furchtbarer Missklang", schmunzelt er, "bis sich die Töne zu einem Akkord bereinigt haben. Weil niemand so einen Missklang aushält."

Lutz hat das Programm wieder in Happen eingeteilt, in Vorträge und Pausen, weil Parkinson-Kranke immer wieder durchschnaufen müssen. Auch Liegen stehen bereit. Lutz konnte wieder zwei Institutionen des Kreises verklammern, die Evangelische Akademie Bad Boll und das Göppinger Christophsbad, das gleich drei Referenten stellt. Sein Ansatz, in einer wohltuenden Atmosphäre Information zu bieten, mit der man im Alltag etwas anfängt, sah er beim ersten Parkinson-Tag bestätigt. "Die Resonanz war gut." Er rechnet wieder mit 150 bis 200 Teilnehmern aus einem Umkreis bis zu 100 Kilometern. Die Selbsthilfegruppe Göppingen hat 70 Mitglieder. Die Krankheit trifft zwei Prozent der über 65-Jährigen, Männer häufiger als Frauen.

Info Zweiter Bad Boller Parkinson-Tag am 2. Oktober von 9.15 bis 16 Uhr in der Evangelischen Akademie.


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Autor: JÜRGEN SCHÄFER | 25.08.2010

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