Vom Brücke-Stil bis Haring

Bad Boll.  Das Buch der Bücher ist auch ein Buch der Bilder und hat auf Künstler immer schon seinen Reiz ausgeübt. In Bad Boll sind jetzt großartige Auseinandersetzungen mit der biblischen Vorlage zu sehen.

Eine bedingungslose Feier reinen Glaubens gestattet das 20. Jahrhundert den Künstlern nicht mehr. Die Aufklärung, Kriege, politische Umwälzungen, der Vormarsch der Wissenschaften und der Industrialisierung haben den Blick auf die Religion und den Menschen gründlich verändert. Besonders deutlich wird dies beim vorletzten der Bilder, auf das man beim Rundgang durch die Ausstellung "Christliche Graphik im 20. Jahrhundert" im Café Heuss der Evangelischen Akademie trifft. Die Bibel selbst interessiert Arnulf Rainer schon nicht mehr, vielmehr beschäftigt er sich mit der Darstellung der Kreuzigungsszene auf dem Isenheimer Altar aus dem frühen 16. Jahrhundert. Fokussierung, Drehung und Übermalung machen aus Grünewalds still leidendem Jesus einen verzweifelten Menschen, der nicht mehr zum Mitleiden auffordert, sondern Angst einflößt.

Den Schluss der Ausstellung mit Werken aus der Stiftung Christliche Kunst Wittenberg kontrastiert der Auftakt im Eingangsbereich. Käthe Kollwitz, die Chronistin des Berliner Industrieproletariats, zeigt Maria und Elisabeth, auf das Wesentliche reduziert in Holz geschnitten. Die schützende Geste, mit der Maria die Hand auf den Schwangerschaftsbauch der jüngeren Frau legt, spricht vom Annehmen auch der schwierigsten Situation.

Zwischen diesen Endpunkten und Extremen springen die Drucke von einem Blickwinkel zum nächsten. Künstlerisch wird dieser geprägt vom expressiven Brücke-Stil bis zum Beinahe-Graffiti Keith Harings, von der Erfahrung der Menschenschlachten des ersten Weltkriegs bis zu denen im Nationalsozialismus mit seiner Klassifizierung in erwünschte und entartete Kunst.

Technisch herrscht der Holzschnitt vor, mit Willi Baumeister zeigt die Wittenberger Sammlung einen Künstler, den man vornehmlich mit Stuttgart verbindet, und mit Michael Morgner ragt die Ausstellung auch noch ins 21. Jahrhundert hinein.

Christian Rohlfs "Rückkehr des verlorenen Sohnes" ist zutiefst menschlich, Kandinsky setzt sich mit der Musik ebenso auseinander wie mit der Auferstehung. In Antonio Sauras Formen und Strukturen ist das Kreuz kaum mehr zu erahnen, bei George Grosz steht es blutbefleckt mitten in einem Haufen zerfetzter Körper. Jesus ist in einen fetten Geistlichen mit Blut auf der Kutte transformiert, und seine jammervolle Miene mag man ihm nicht abnehmen.

Info Öffnungszeiten: Mo. bis Sa. 9-18 Uhr, So. 9-14 Uhr (bis zum

23. Oktober)


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Autor: URSULA BÖTTCHER | 01.10.2011

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