"Überzieh das Bett neu, du kriagsch en Herra ens Haus!"
Wiesensteig. Er war bodenständig, aber beleibe kein Hinterbänkler: Vor einem Jahrhundert zog mit dem Schuhmachermeister Joseph Herbster der erste und bislang einzige Wiesensteiger in den Landtag ein.
"Mein Opa war kein Gwöhnlicher. Der war sogar im Gfängnis", erinnert sich Maria Geierhos - und erklärt auch gleich, warum sie darauf stolz ist: Ihr Großvater Joseph Herbster war nicht nur Wiesensteigs erster Landtagsabgeordneter, der Zentrumspolitiker sagte offen seine Meinung und geriet deshalb auch ins Visier der Nazis, was ihm ein halbes Jahr "Schutzhaft" im KZ einbrachte.
Wie der Wiesensteiger Stadtrat Helmut Poloczek aus Archiven zusammengetragen hat, wird Herbster am 18. Dezember 1906 erstmals in die zweite Kammer des Stuttgarter Landtags gewählt. Der 34-jährige Schuhmachermeister aus Wiesensteig holt bei einer Wahlbeteiligung von 87,5 Prozent (!) vor allem im katholisch geprägten Täle seine Stimmen und schlägt in einer Nachwahl den bisherigen Abgeordneten Oekonomierat Nikolaus Bantleon (Deutsche Partei) aus Waldhausen.
In Wiesensteig wird der überraschende Wahlsieg des Schuhmachers überschwänglich gefeiert. Als ein Nachbar vom Erfolg Herbsters erfährt, soll er dessen Frau scherzhaft gewarnt haben: "Liesbeth, überzieh das Bett neu, du kriagsch jetzt en Herra ens Haus!"
Doch der nun plötzlich prominente Sohn der Stadt bleibt bodenständig. Dabei ist der Abgeordnete aus dem Täle beileibe kein Hinterbänkler. So hält Herbster unter anderem 1907 bei einer Etatberatung des Innern eine viel beachtete Rede zur "Heim- und Kinderarbeit". Nach seiner ersten Legislaturperiode zieht Herbster 1912 ein zweites Mal in den Landtag ein. Aus dieser Zeit ist nichts überliefert.
Herbsters Tochter, die Oberlehrerin Anna Herbster, beschreibt ihren Vater als lernbegierigen, aufgeschlossenen und umgänglichen Menschen, der schon als junger Schustergeselle vor der Jahrhundertwende auf die Walz geht und so bis in die Schweiz kommt. Zurück in der Heimat betreibt Herbster eine Schuhmacherwerkstätte. Und die läuft offenbar so gut, dass der Meister bis zu zwölf Lehrbuben und Gesellen beschäftigt, was Herbster im katholisch geprägten Wiesensteig schnell den Spitznamen "Apostel-Schuster" einbrachte. Da der umgängliche Schuhmachermeister durch seinen Beruf viel in der Gegend herumkommt, war er in den Gemeinden reihum bald bekannt.
Diesem Umstand verdankt Herbster wohl auch seine politische Karriere: Als die Zentrumspartei vor der Landtagswahl 1906 im Oberamtsbezirk Geislingen händeringend nach einem Kandidaten sucht, kommt man auf Herbster. Dass der "Newcomer" aus dem Täle dann tatsächlich den "Platzhirsch" und großen Favoriten Bantleon schlagen würde, hatten indessen die größten Optimisten beim Zentrum nicht erwartet.
Nach dem Ersten Weltkrieg zieht sich Herbster aus der Politik zurück. Politisch interessiert bleibt der Wiesensteiger aber weiter. Vor allem dem aufkeimenden Nationalsozialismus steht der christlich-konservativ denkende Wiesensteiger kritisch gegenüber - und hält mit seiner Meinung auch nicht hinter dem Berg: "Auch diese Bäume werden nicht in den Himmel wachsen", prophezeiht Herbster einmal - und wird darauf denunziert. Im Januar 1933 bringt das dem ehemaligen Landespolitiker die "Schutzhaft" im Konzentrationslager Heuberg bei Stetten am kalten Markt ein. Nur weil das Lager mit immer mehr politischen Häftlingen bald überzuquellen droht, wird Herbster im August 1933 wieder entlassen.
Abgemagert und kahl geschoren kehrt Herbster wieder in seine Heimatstadt zurück, wo er seitdem zurückgezogen lebt und am 2. Dezember 1945 im Alter von 73 Jahren stirbt. So hat der von den Nazis geschundene engagierte Katholik zumindest noch den von ihm vorhergesagten schnellen Untergang des tausendjährigen Reichs erlebt.
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Autor: THOMAS HEHN | 04.02.2012
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1914 mussten auch Landtagsabgeordnete in den Krieg ziehen: Joseph Herbster (rechts vorn) als Soldat fürs Kaiserliche Heer.
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