Reststoff-Biogasanlage: Neue Antworten auf alte Fragen

Heiningen.  Die umstrittene Biogasanlage für Reststoffe bei Heiningen müsste gar nicht täglich laufen. Diese Meinung vertrat Dieter Nemec bei einer Diskussion auf Initiative der evangelischen Kirchengemeinde.

In ein, zwei Monaten soll das Gutachten zur Wirtschaftlichkeit eines Biomassezentrums am Heininger Ortsrand vorliegen, das in Eschenbach und Heiningen eine Bürgerinitiative und viel Gegenwind ausgelöst hat. Fällt es positiv aus, kommt es im April/Mai zu einem Bürgerentscheid. Weil auch die evangelische Kirchengemeinde zu dem Projekt Stellung nehmen will, lud der neue Pfarrer Reinhard Hauff zu einer neuerlichen Diskussion ein. Dabei gab es neue Aspekte auf bekannte Fragen.

Dieter Nemec, Kirchengemeinderat und Vorstand der Bürgerenergiegenossenschaft Voralb, stellte die bisherigen Vorstellungen auf den Kopf. Immer stand die Frage im Raum, ob es denn genügend Reststoffe aus der Kulturlandschaft für eine Biogasanlage gebe, die das Voralbbad im Sommer wie im Winter beheizen soll. Nemec sagt: Ein pausenloser Betrieb sei gar nicht notwendig. Man könne die Anlage im Sommer tageweise abschalten und im Winter voll fahren.

Walter Renz fragt nach der Ökobilanz und bezweifelt äußerst, dass Reststoffe mit einem Brennwert von 1,4 Millionen Liter Öl im Jahr rein aus dem bisherigen Kompostmaterial der zehn Gemeinden zwischen Schlierbach und Schlat anfallen. "Das entspräche dem siebenfachen Holzeinschlag der Gemeinde Heiningen im Jahr", verdeutlicht er. Nemec hat nachgerechnet und kommt auf 1,2 Millionen. Seine Ökobilanz: Derzeit fahre ein Unternehmer das holzige Material vom Heininger Kompostplatz 100 Kilometer weit zu einer Pelletsanlage. Das sei ein Viertel mehr Transportaufwand als die Anlieferung des kompletten Materials aus dem Voralbgebiet zu einer Biogasanlage in Heiningen. Für Renz keine befriedigende Antwort, weil sich der Material-Export auch wieder ändern könne.

Thomas Philipp von der Bürgerinitiative trug die Gegenargumente vor: Eine Verkehrsbelastung von durchschnittlich 13 Transporten oder auch 40 an Spitzentagen, Betriebslärm einschließlich weithin hörbarem Radlader-Piepton und Geruchsbelästigung, jeweils mit Hauptwindrichtung Eschenbach, ferner Landschaftsverbrauch und störendes Erscheinungsbild eines "kleinen Reaktors" in einem Naherholungs- und Sportgebiet, das Risiko einer möglichen Erweiterung und mögliche Einbeziehung von nachwachsenden Rohstoffen, mögliche Störfälle bis zu der Gefahr einer Explosion, mögliche Gesundheitsgefahren durch Krankheitserreger (Botulismus) und Wertminderung von Grundstücken.

Der Heininger Bürgermeister Norbert Aufrecht plädierte für eine relativierende Betrachtung. Die Verkehrsbelastung könne man nicht wegwischen, aber die jetzigen Verkehrsströme durch Heiningen und zum Gewerbepark Voralb würden fraglos hingenommen. Er bezweifelte eine größere Geruchsbelästigung, denn neben einer landwirtschaftlichen Biogasanlage in Bad Boll existierten Ferienwohnungen. Mit einem nennenswerten Maisanteil dürfe man die Anlage gar nicht fahren, weil sonst die Zuschüsse aus Brüssel verfielen, betonte Aufrecht. Für die "Optik" der Anlage bekomme man keinen Architekturpreis, räumte der Schultes ein. Aber: Die nehme man mit der Zeit gar nicht mehr wahr, ebenso wenig wie die Biogasanlagen andernorts und die zahlreichen Silos der Landwirte - auch in Eschenbach. Nemec machte geltend, dass die Betriebstemperatur der Anlage ausreichend hochgefahren werden könne, um den Botulismus-Erreger abzutöten, dessen Verbreitung mit Biogasanlagen in Verbindung gebracht wird.

Jobst Kraus, Mitinitiator des EU-Leuchtturmprojekts und früherer Studienleiter der Evangelischen Akademie Bad Boll, widersprach in einem Punkt: Die Architektur könne durchaus einen Preis bekommen, wenn man das wolle. Im Übrigen seien auch Anlagen in einzelnen Orten sinnvoll. Die Reststoff-Verwertung sei die Zukunft: "Wenn wir es jetzt nicht machen, müssen wir es in zehn Jahren machen." Angesichts des Klimawandels und sinkender Ressourcen seien wir gefordert, unseren Energieverbrauch auf einen Bruchteil zu drücken. Erneuerbare Energien sei ein Mittel dazu - neben dem Energiesparen und der Energieeffizienz.

Pfarrer Reinhard Hauff gab zu bedenken, dass die angeführten Risiken in anderen Bereichen in Kauf genommen würden. Niemand wolle das Auto abschaffen, weil es Verkehrstote gebe. Wer die Biogasanlage oder Windkraft nicht wolle, müsse sagen, wo er hin wolle.


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Autor: JÜRGEN SCHÄFER | 22.11.2011

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