Landkarten nach irgendwohin
Bad Boll. Sie setzt neue Maßstäbe. Cristina Barroso übermalt Landkarten und zeichnet neue Leitlinien. Bunt und fantasievoll. Arbeiten der Stuttgarter Künstlerin zeigt jetzt die Evangelische Akademie in Bad Boll.
Es muss da hingehen. Das da muss der richtige Weg sein. Auf der Landkarte sind nur Ausschnitte zu erkennen. Aber irgendwo im Dreieck zwischen hier und da und dort muss es ja sein. Kreisrunde oder polygonale, schraffierte Flächen überziehen die gesamte Kartenfläche. Zwischen drunter und drüber liegen collagierte Schichten aus Farbe und Wachs. Cristina Barroso, 1958 in Sao Paulo in Brasilien geboren und seit Mitte der 1990er Jahre in Stuttgart zu Hause, verwendet ausgediente Landkarten als Leinwand für ihre Arbeiten, die "maps to somewhere else". Landkarten nach irgendwohin. Barroso zeigt, wo es langgeht, und stellt derzeit in der Evangelischen Akademie in Bad Boll aus. Um schnell von A nach B zu kommen, braucht es ein präzises Navigationssystem, das die Führung übernimmt.
Aber wo wollen wir hin? Wir, jeder von uns? Barroso stellt mit ihren Arbeiten diese Frage und liefert die Antwort gleich mit. Zumindest den Teil, der deutlich macht, wie wir uns bei dieser Antwortsuche verhalten.
Zuerst eine Standortbestimmung, dann die Ausrichtung nach Norden, und dann kann es losgehen. Der richtige Weg lässt sich kartografischer leichter, schneller erfassen als der für einen selbst bestimmte.
Cristina Barroso, so scheint, will auffordern, die Suche im eigenen Inneren zu beginnen, frei und unabhängig von fremden Vorgaben.
Die Farbflächen auf den übermalten Landkarten-Leinwänden wirken wie Wolken. Bunte, farbenfrohe Tupfer. Das Darunter verschwindet, und das Darüber fügt und bindet sich neu aneinander. Wer die Dinge von oben betrachtet, steht über ihnen. Cristina Barroso ordnet neu, zeigt, dass es auch andere als rein arithmetische Möglichkeiten der Orientierung gibt. Im Foyer vor dem Festsaal zeigt sie Aquarelle. Worte im Kreuzworträtsel ("Crossed Words") oder wie auf einer Pinnwand ("Shields") gemalte Gedankenblasen. Selbst die Zeit stellt Barroso als Geflecht dar.
"Orbit" heißt ihre größte Arbeit, die in Bad Boll zu sehen ist. Über zwei Meter groß und auch fast so breit. Auf graugrünem Farbschleier sind die Umrisse der Weltkarte gemalt und dort hinein kreisrunde Scheiben - Sternzeichen, wie vom Fernrohr erfasst.
Nicht nur den Landkarten verpasst die 52-Jährige, die 1992 das Stipendium der Göppinger Baumann-Stiftung erhalten hat, neue Maßstäbe. Auch Stadtansichten. "Jerusalem" zum Beispiel. Auf 80-mal 80 Zentimetern lila Farbfläche hat sie die Koordinaten der Stadt aufgeschrieben - so, dass sich das Ziel auch vom Navi orten ließe.
Info
Öffnungszeiten Evangelische Akademie Bad Boll, Akademieweg 11
Ausstellungsdauer: bis 28. März
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Autor: HANS STEINHERR | 19.02.2010
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Cristina Barrosos großformatiger "Orbit" zeigt kreisrunde Scheiben auf Umrissen einer Weltkarte. Foto: Hans Steinherr
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