Kleine Kapelle fristet schimmeliges Schattendasein

Wiesensteig.  Einst standen sie im Einklang nebeneinander, heute raubt eine große Linde einer kleinen Kapelle in Wiesensteig Luft und Licht, weshalb der Putz bröckelt. Aber das ist nicht das einzige Problem.

Als ein Ehepaar vor rund 100 Jahren die Kapelle am Weg zum Haus Malakoff aus Dankbarkeit dafür errichten ließ, dass die beiden Söhne heil aus dem Ersten Weltkrieg heimgekehrt waren, haben sie den Standort neben der alten Linde vielleicht bewusst gewählt.

Inzwischen wird das gedeihliche Miteinander von Baum und Heimstätte einer Muttergottes im wahrsten Sinne "überschattet": Die damals wohl noch überschaubare Linde ist zu imposanter Größe herangewachsen und raubt dem Kirchlein zunehmend Licht und Luft. Was dazu geführt hat, dass an der nach den Stiftern benannten "Gerber-Kapelle" außen Putz und Farbe bröckeln und innen der Schimmel an den Wänden hochkriecht.

Maria Geierhos geht der armselige Zustand des kleinen Gotteshauses arg zu Herzen, weshalb die Wiesensteigerin schon zum Teil auf eigene Kosten die in der Kapelle stehende Muttergottes restaurieren lassen hat. Nun möchte die 74-Jährige auch das marode Gemäuer um die Pieta herum sanieren lassen - und würde den in ihren Augen ebenso hinderlichen wie für das substanzielle Wohl der Kapelle verderblichen Baum am liebsten fallen sehen.

Allerdings erwachsen hieraus schon die nächsten Probleme: Nachdem die Marienkapelle schon kurz nach ihrer Erbauung ihre kirchliche Weihe erhielt, hat inzwischen auch der Baum seinen, diesmal behördlichen Segen als ausgewiesenes Naturdenkmal und ist damit zumindest aus amtlicher Sicht ebenso schützenswert wie die Kapelle. So verweist Ulrich Lang vom Umweltschutzamt beim Landratsamt darauf, dass die vermutlich um 1770 gepflanzte Linde im Rahmen einer Sammelverordnung für den ganzen Landkreis 1984 als landschaftsprägendes Merkmal zum "Einzelnaturdenkmal" erhoben wurde. Ein Rückschnitt im Kronenbreich sei in Abstimmung mit dem Bürgermeisteramt in Wiesensteig zwar schon mal genehmigt worden, erinnert sich Lang, aber fällen könne man den Baum aber nicht so ohne Weiteres, warnt der amtliche Naturschützer.

Angesichts des drohenden behördlichen Banns aus dem Landratsamt für vorschnelle Holzfäller haben sich Bauexperten auf die Suche nach Lösungen ohne Axt und Säge gemacht - und auch tatsächlich eine Möglichkeit gefunden: Wenn man das Erdreich ums "Kapellele" abgräbt, die Mauern saniert und anschließend mit einem dauerhaften Schutz gegen Nässe versieht, könne man den Baum durchaus stehen lassen, versichert jedenfalls der Westerheimer Maurermeister Erhard Schweizer, der sich ebenfalls um den Erhalt der "Gerber-Kapelle" sorgt. Über den Daumen gepeilt schätzt Schweizer den Aufwand für die Sanierung auf rund 5000 Euro.

So gesehen scheinen die gröbsten Probleme beseitigt, bleibt nur noch eine Frage offen: Wer zahlt das gute Werk? Auf dem Wiesensteiger Rathaus weiß man zwar, dass die Kapelle auf gemeindlichem Grund steht, aber wiederum nichts von einer "Unterhaltungslast des darauf stehenden Gebäudes", wie Bürgermeister Gebhard Tritschler betont.

Pfarrer Andreas Frosztega bedauert ebenfalls: Er führt an, dass die Kapelle Privatbesitz sei, auch wenn sich seitens der Stifter-Familie niemand mehr finde. Außerdem habe die Kirchengemeinde nach dem Bau ihres Gemeindezentrums eh kein Geld mehr. Er habe daher vor einigen Woche bei der Diözese in Rottenburg angefragt, aber "bisher noch keine Antwort erhalten."

In der Folge hat Maria Geierhos von Pfarrer Frosztega zumindest den Segen bekommen, dass sie im Namen der Kirchengemeinde für den Erhalt der "Gerber-Kapelle" Spenden sammeln darf . . .

Info Die Kirchengemeinde hat für die Sanierung der Gerber-Kapelle ein Spendenkonto (Nummer: 800 1702) bei der KSK Göppingen (BLZ 610 500 00) eingerichtet. Bislang sind 855 Euro eingegangen.


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Autor: THOMAS HEHN | 10.02.2012

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