Das Schweigen der Väter
Bad Boll. Schwarze Löcher, die Kraft binden: Das Schweigen der Väter zu ihrer Rolle in Nazizeit und Krieg wirkt noch heute in Familien nach. Eine Tagung in der Evangelischen Akademie Bad Boll will das aufarbeiten.
Liebevoll, tolerant, feinfühlig: So hat Doris F. (alle Namen geändert) ihren Vater erlebt. "Heute würde man sagen, er war ein Softie", sagt die Gymnasiallehrerin aus Bayern. Aber er trug auch etwas mit sich herum, das sie als Schuldbewusstsein deutete. Was es war, hat er mit ins Grab genommen. So wie er über seine Zeit als Polizist im besetzten Posen nicht sprach. Und Doris Mutter auch nicht. Die hat ihren Mann damals sogar in Posen besucht, war dann aber froh, wieder zu Hause zu sein.
Seit zehn Jahren muss Doris F. fürchten, dass ihr Vater in den Holocaust verstrickt war. Damals stieß sie auf Umstände, die das nahelegen. Seitdem forscht sie über das Wirken ihres Vaters in Posen, und hat als Historikerin auch die nötigen Kontakte. Gewissheit hat sie gleichwohl nicht bekommen, und sie hält das auch nicht mehr für erreichbar: "Das Schild auf dem steht: er war dabei, gibt es nicht."
Solche dunklen Flecken in der Familiengeschichte tragen vielleicht viele der 25 Teilnehmer der Tagung in Bad Boll mit sich herum. Vielleicht ist das Beispiel von Doris F. besonders krass. Vielleicht aber haben andere sogar Gewissheit, dass sie "Täterkinder" sind. Das ist nicht auszumachen. Die Teilnehmer erzählen ihre Geschichte nicht unbedingt der Zeitung.
Es kann ein Trauma sein, die Schuld des Vaters zu kennen oder zu erahnen. Die Tagung in Bad Boll ist auch ein therapeutisches Angebot. Mit Cordula Gestrich sitzt eine Psychotherapeutin am Tisch, die den Teilnehmern bei der Überwindung ihres Leidens helfen will. Sie beschreibt es als schwierige Aufgabe. Wieder "Licht am Ende des Tunnels" zu sehen. Dazu dient die Beleuchtung von Familienstrukturen und Biografiearbeit. Nochmal konfliktreicher sei es, wenn die Schuld von Vätern die Familien zerrissen haben. Wenn einer, der der Wahrheit ins Auge sieht, vom Rest der Familie ausgegrenzt wird.
Die Eltern von Cordula K. können kaum Schuld auf sich geladen haben. Dafür waren sie zu jung. Ihr Vater war gerademal bei der Flak. Und doch haben diese jungen Eltern ihrer Tochter ein "Gefühlserbe" mitgegeben, mit dem sie bis heute kämpft: ein Unvermögen, Trauer zu zeigen. Die Großmutter väterlicherseits starb im Bombenhagel von Kassel, der Heimatstadt der Ks. "Die Familie war davon traumatisiert", analysiert sie. Für sie als Mädchen blieb es lange unklar, dass und wie ihre Großmutter gestorben ist, zumal ihr Großvater wieder heiratete. Und auch sonst war viel Schweigen. Über die Zeit ihrer Mutter beim Bund Deutscher Mädel, über das Verschleppen von Juden, das die Eltern mitbekommen haben müssten. Erst in der Schule erfuhr Cordula K. vom Ausmaß des Holocausts. Da kam ein Onkel aus der Kriegsgefangenschaft und starb Jahre darauf - alles ohne große Erklärungen. Überall in ihrer Familie gab es solche "schwarzen Löcher", wie sie es nennt. "Schwarze Löcher, die Kraft binden."
Das Gedenken an ihren Vater hat Gertrud M. zu der Tagung geführt. Sie hat ihn nicht mehr kennengelernt, er starb am Ilmensee in Russland, als die drei war. Sie hat sich auf seine Spuren begeben und stieß auf eine Episode in der Normandie, die ihr unendlich wohltut. Ihr Vater hat als Besatzungssoldat einer Familie geholfen. Sie sieht ihn als Mitläufer der Nazis und als deren Opfer. Bei der SA sei er gewesen, dann aber ausgetreten und als Retourkutsche an die Ostfront geschickt worden, wo er fiel. Tränen steigen ihr in die Augen, wenn sie vom Gedenkstein an die Gefallenen vom Ilmensee spricht.
Die Tagung bietet viel Hintergrund, um die Familiengeschichten einzubetten: Historiker erläutern die Nazizeit mit ihren Verlockungen und Zwängen, destillieren kollektive Erinnerungen heraus, gehen der Aufarbeitung in der Gesellschaft nach, erinnern an die ausländischen Opfer, die in unsere Welt nicht vorstoßen. Und sie arbeiten am Problem des Gefühlserbes, das noch auf weitere Generationen übertragen werden könnte.
Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar
Autor: JÜRGEN SCHÄFER | 03.11.2011
| Artikel twittern |
|
|
Hitlerjungen - wie hier im Bild - wuchsen in eine schreckliche Zeit hinein. Noch heute kämpfen Menschen aus ihrer und der nächsten Generation mit der Rolle ihrer Väter und Familien im "Dritten Reich". Foto:
MEISTGELESENE ARTIKEL
Zwischen Bachtal-Schönheit und Miss Deutschland
Sie ist Miss Bayern. Jetzt tritt sie auch bei der Wahl zur schönsten Frau Deutschlands an. Die Rede ist von Sarah-Lorraine Riek aus Syrgenstein. Ob sie nun die Krone ins Bachtal holt oder nicht – die 19-Jährige ist gewappnet.... mehr
Voith Paper baut in Heidenheim 280 Stellen ab
Der Schnitt war angekündigt, fiel aber offenbar härter aus als erwartet: Angesichts drastischer Einbrüche am Markt für grafische Papiere will Voith Paper in Deutschland und Österreich über 700 seiner 2800 Stellen streichen.... mehr
Schwerer Vorfahrtunfall auf neuer Kreuzung bei Brenz
Weil eine Autofahrerin die Vorfahrt nicht beachtete, kam es am Dienstag zu einem verheerenden Unfall auf der neuen Bundesstraße 492: Die Unfallverursacherin wurde lebensgefährlich verletzt.... mehr
Familie muss ausziehen - Fünf Kinder in Wohnungsnot
Neu-Ulm Eine Alleinerziehende steht am 8. Juli mit ihren fünf Kindern auf der Straße, wenn sie keine Wohnung findet. Bisher ohne Erfolg, trotz professioneller Unterstützung der Wohnberatung der Neu-Ulmer Diakonie.... mehr
Amok-Alarm an Schule in Memmingen - Fahndung nach Täter läuft
Memmingen Amok-Alarm hat am Dienstagnachmittag ein 15-jähriger Schüler der achten Klasse in Memmingen (Bayern) ausgelöst. Der Junge hatte die Lindenschule, eine Grund- und Hauptschule, mit zwei scharfen Waffen betreten und mehrere Personen bedroht. Auch ein Schuss fiel.... mehr

ZURÜCK
