Das Buhlen um die Fachkraft
Bad Boll. Wie kann man Jugendliche für das Handwerk begeistern? Welche Rolle spielen die Eltern bei der Lehrstellensuche? Beim Demografie-Fachtag ging es gestern vor allem um den drohenden Fachkräftemangel.
Mehr Ausbildungsplätze als Bewerber - innerhalb kurzer Zeit hat sich die Situation umgedreht. Schon jetzt suchen die Unternehmen händeringend nach qualifiziertem Personal. Und die Lage wird sich zuspitzen: "Der demografische Wandel wird die Altersstruktur und die Bevölkerungszahl im Landkreis Göppingen erheblich verändern", sagt Landrat Edgar Wolff. Das Statistische Landesamt prognostiziere für den Stauferkreis einen Bevölkerungsrückgang von 5,6 Prozent bis zum Jahr 2030. "Besonders im Alterssegment der 15- bis 19-Jährigen wird der Rückgang spürbar sein", unterstreicht der Landrat.
Die Zahlen sind alarmierend. Der zweite kreisweite Demografie-Fachtag stand daher gestern unter dem Motto "Niemand darf verloren gehen! - Übergänge ins Berufsleben erfolgreich gestalten". Der Landkreis will der Überalterung und dem Bevölkerungsrückgang unter anderem damit begegnen, indem benachteiligten Jugendlichen eine bessere Bildung eingeräumt wird. Der Trend zum Methusalem-Zeitalter und zu rückläufigen Schulabgängerzahlen berge einerseits Risiken für die heimische Wirtschaft, aber auch Chancen für leistungsschwächere junge Menschen, die frei werdenden Stellen zu besetzen, ist der Landrat überzeugt. Ein besserer Zugang in die berufliche Ausbildung sei dabei unabdingbar, meint Wolff. Mit dem mit Bundes- und EU-Mitteln finanzierten Projekt "Regiodrive - Regionales Übergangsmanagement für den Landkreis Göppingen" sei bereits "ein passgenaues Projekt" gestartet, das bis zum September 2013 verlässliche Strukturen für den Übergang ins Berufsleben schaffen soll.
Genau darum ging es gestern beim Demografie-Fachtag in der Evangelischen Akademie in Bad Boll. Die Tagung richtete sich an kommunale Führungskräfte, Kreis- und Gemeinderäte, Schulen, Bildungsträger sowie Migrantenorganisationen. Nach drei Impulsreferaten stiegen die rund 120 Teilnehmer tiefer in die Materie ein und arbeiteten in vier Foren Strategien aus, wie der Start ins Berufsleben besser gelingen könnte. In den Workshops befassten sich die Gruppen mit der Rolle der Eltern bei der Suche nach einer Lehrstelle oder mit der Frage, wie man Jugendliche wieder für das Handwerk begeistern kann. Zudem ging es um betriebliche Ausbildungskonzepte für benachteiligte Jugendliche am Beispiel des Projektes "Carpo - Assistierte Ausbildung" sowie um die Arbeit ehrenamtlicher Begleiter. Das Forum "Integration von leistungsschwächeren Jugendlichen in Gesundheits- und Pflegeberufen" fand nicht statt, weil der Partner, der die Moderation übernommen sollte, ausfiel.
Viele Teilnehmer interessierten sich für den Workshop Elternarbeit. "Wir haben festgestellt: Es gibt viel Schmerz, der Leidensdruck ist hoch. Die Schüler kommen nicht, die Eltern reagieren nicht", ist die Erfahrung vieler Lehrer. Die Konsequenz: Elternarbeit müsse so früh wie möglich beginnen - und zwar mit einer großen Portion Wertschätzung, lautete das Fazit des Forums. Zudem sei es hilfreich, die Stärken benachteiligter Schüler hervorzuheben. Auch eine frühe Berufsorientierung erleichtere den Übergang von der Schule in den Beruf.
In einem anderen Workshop wurden Lösungen gesucht, wie das Handwerk für Jugendliche wieder attraktiver werden kann. Ergebnisse der Diskussionsrunde: Die Schule brauche mehr Praxisinhalte, zudem sollten die Betriebe noch häufiger in die Schulen gehen. "Und insgesamt mehr Geld für Bildung" - ein Wunsch, den viele Teilnehmer gestern äußerten. Natürlich war der Runde, die von 9 bis 17.45 Uhr enorme Ausdauer bewies, klar, dass es oft am lieben Geld fehlt. Andreas Schelk, Regiodrive-Projektleiter im Landratsamt, versprach jedenfalls, sich die Ergebnisse des Demografie-Fachtags "ganz genau anzuschauen". Eine Schülerbefragung soll im kommenden Jahr zudem Aufschluss geben, wo den jungen Menschen der Schuh drückt.
Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar
Autor: SUSANN SCHÖNFELDER | 11.11.2011
| Artikel twittern |
|
|
Ein Ausbilder zeigt einem Bäckerlehrling, wie man Spritzgebäck macht. Das Handwerk hat mit dem Fachkräftemangel besonders zu kämpfen. Foto: Archiv
MEISTGELESENE ARTIKEL
Zwischen Bachtal-Schönheit und Miss Deutschland
Sie ist Miss Bayern. Jetzt tritt sie auch bei der Wahl zur schönsten Frau Deutschlands an. Die Rede ist von Sarah-Lorraine Riek aus Syrgenstein. Ob sie nun die Krone ins Bachtal holt oder nicht – die 19-Jährige ist gewappnet.... mehr
Voith Paper baut in Heidenheim 280 Stellen ab
Der Schnitt war angekündigt, fiel aber offenbar härter aus als erwartet: Angesichts drastischer Einbrüche am Markt für grafische Papiere will Voith Paper in Deutschland und Österreich über 700 seiner 2800 Stellen streichen.... mehr
Schwerer Vorfahrtunfall auf neuer Kreuzung bei Brenz
Weil eine Autofahrerin die Vorfahrt nicht beachtete, kam es am Dienstag zu einem verheerenden Unfall auf der neuen Bundesstraße 492: Die Unfallverursacherin wurde lebensgefährlich verletzt.... mehr
Familie muss ausziehen - Fünf Kinder in Wohnungsnot
Neu-Ulm Eine Alleinerziehende steht am 8. Juli mit ihren fünf Kindern auf der Straße, wenn sie keine Wohnung findet. Bisher ohne Erfolg, trotz professioneller Unterstützung der Wohnberatung der Neu-Ulmer Diakonie.... mehr
Amok-Alarm an Schule in Memmingen - Fahndung nach Täter läuft
Memmingen Amok-Alarm hat am Dienstagnachmittag ein 15-jähriger Schüler der achten Klasse in Memmingen (Bayern) ausgelöst. Der Junge hatte die Lindenschule, eine Grund- und Hauptschule, mit zwei scharfen Waffen betreten und mehrere Personen bedroht. Auch ein Schuss fiel.... mehr

ZURÜCK
