Alle wollten mich schlagen

Uhingen.  Ist das nun Kabarett? Comedy? Oder einfach Entertainment? Egal, das Soloprogramm von Olympiasieger Dieter Baumann im Uditorium war jedenfalls extrem kurzweilig und unterhaltsam - nicht nur für Läufer.

Weit mehr als 200 Menschen waren ins Uditorium gekommen, um - ja warum eigentlich? Um den Läufer Dieter Baumann zu erleben, immerhin Olympiasieger und Europameister über 5000 Meter? Oder den Trainer und Motivator? Den Anekdotenerzähler? Oder doch den Kabarettisten? Die Frage ist müßig, der "unterhaltende Läufer" bot in Uhingens Schmuckkästchen für jeden etwas und noch etwas mehr: die Dieter-Baumann-Show.

Auch ein (Ex-)Läuferprofi hat ein Recht darauf, mal faul zu sein. Findet der gebürtige Blaubeurer. Passive Regeneration heißt das in Sportlerkreisen - und das Bedürfnis danach kann einen schon mal beim Anblick eines Fahrstuhls überkommen. Aber die Reaktionen der anderen, wenn Baumann dann im Fahrstuhl die "1" drückt, sind so wenig verständnisvoll wie die der Taxifahrer in Tübingen, wo ihn jeder kennt ("Baumann, du kannst laufen!").

Ja, alles hat seinen Preis, auch das Etikett "Läufer der Nation". Wie er dazu wurde und was ihm dabei widerfuhr, schildert der 44-Jährige in dem zweistündigen Programm "Körner, Currywurst, Kenia". Mimisch und gestisch geschult, dramaturgisch erstaunlich reif für einen Kabarettanfänger, als den er sich selbst bezeichnet, setzt er, mal in witzigen Spielsequenzen, mal heiter plaudernd seine Pointen. Und erzählt. Etwa, wie er als junger Kerl staunend vor dem Fernseher sitzt und Saïd Aouitas Fabelweltrekord über 5000 Meter miterlebt. Wie er zwei Jahre später selber gegen den marokkanischen Wunderläufer über 3000 Meter antritt - und auf den letzten 1000 Metern einbricht ("Ja, hinten ist die Ente fett"). Oder von der Nacht auf einer Fähre, wo er sich eine winzige Koje mit 1500-Meter-Weltmeister Abdi Bile teilt. Schweren Herzens gönnt sich der Schwabe dort ein Bier für 15 Mark aus der Minibar, um endlich einschlafen zu können - und beschwört so eine flammende Rede des Somaliers über Askese und den wahren Champion herauf, die in einer Wette mündet.

Ironisch und selbstironisch schildert Baumann seine Erlebnisse in Kenia: von den Trainingsläufen auf dem Hochplateau, bei denen der BP-Tankwart des Dorfes locker neben dem hechelnden Baumann herlief: "ich in der Olympia-Vorbereitung, er auf dem Heimweg"; von einem Rennen mit 150 schwarzen Läufern, die alle vorher die Parole ausgegeben hatten, unter keinen Umständen hinter dem "weißen Mann" ins Ziel zu kommen; und vom Militärkoch, der am Ende fünf Ränge vor ihm platziert war.

Baumann bleibt aber nicht bei den Geschichten von früher stehen. Immer wieder aktiviert er sein Publikum zum Mitmachen. Und das ist bei ihm ganz wörtlich zu nehmen: So animiert er den ganzen Saal zur Stepp-Gymnastik und gibt hernach eine Tube Zahnpasta für den höchsten Bewegungspuls des Abends aus. Und dem Nicht-Läufer Sascha preist er ein eigens ausgetüfteltes Trainingsprogramm an, das dessen Lebenserwartung von 68 auf sagenhafte 114 Jahre klettert lässt.

Zum Kugeln ist auch die Schilderung des Besuchs der Frankfurter Marathon-Messe. Mit ganzem Körpereinsatz stellt der Tübinger augenzwinkernd großartige Erfindungen vor: vom Nasenpflaster über Stützstrümpfe und Getränkegurte, an denen John Wayne seine helle Freude hätte, bis hin zum "High Energy Speed Gel".

Und dann verrät der Olympiasieger, seit wann er sich für die Bühne berufen fühlt. 2002 lief er in Hamburg seinen ersten Marathon - bis Kilometer 32, dann musste er aussteigen. "Kaum war ich draußen, sah ich schon die ersten Plakate: Haltet durch, Baumann ist draußen! 18 000 Läufer, und alle wollten mich schlagen. Noch nie war die Drop-out-Quote bei einem Marathon so niedrig." Und da dachte er sich: Wer es schafft, 18 000 Läufer auf der Straße so zu motivieren, der schafft es auch auf der Bühne!

Der große Applaus im Uditorium zeigte, dass er mit dieser Einschätzung goldrichtig lag.


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