Zeitreise ins alte Preußen

Reichenbach/Fils.  Der König war 1,60 Meter klein aber ganz groß darin, Preußen in Europa voranzubringen. 2012 jährt sich der Geburtstag Friedrichs II. zum 300. Mal, seine Faszination hat auch eine Reichenbacherin beflügelt.

Auf den Ring kommt es an, das kostbare Schmuckstück verleiht seinem Träger magische Kräfte. Bei J.R.R. Tolkien ist dieser ein Hobbit, bei Caroline Flüh ist der Ring im Besitz von Emma und Leonie. Noch etwas unsicher blicken sich die Freundinnen um - kein Wunder, sie sind im Jungenschlafsaal des Großen Waisenhauses gelandet. Es ist aber weniger das Wo, das die Mädchen irritiert, es ist das Wann. Caroline Flüh lässt ihre Jugendbuchheldinnen ins Jahr 1745 reisen.

Die Autorin hat zwei Töchter in Emmas und Leonies Alter. "Daraus hat sich die Besetzung ergeben", verrät Flüh, die aus Reichenbach an der Fils stammt und seit einigen Jahren in Potsdam lebt, das 2012 den 300. Geburtstag Friedrichs des Großen feiert. "Der König stammt aus einer Zeit, die für die Kinder heutzutage sehr weit weg liegt", hat die 49-Jährige festgestellt. "Sie haben viel nachgefragt: wer Friedrich war, ob er als König beliebt war, in welchem Schloss er wohnte. Einiges konnte ich erklären, vieles auch nicht."

Herausgefordert, die Antworten zu finden und gleichzeitig fasziniert von der Figur des Preußenkönigs, begab sich Caroline Flüh auf Spurensuche. Wie sie von ihren Archivbesuchen berichtet, klingt ihre helle, fröhliche Stimme ganz unschwäbisch. Mit der Beobachtung konfrontiert, lacht sie. "Doch, Schwäbisch kann ich auch." Umgeben von Potsdamer Muttersprachlern, hält sich die Tochter eines Reichenbacher Textilfabrikanten jedoch ans Hochdeutsche, das sie von ihrer schwedischen Mutter gelernt hat. Oder besser: gemeinsam mit ihr lernte.

Den elterlichen Betrieb zu übernehmen, stand für die Tochter nicht zur Debatte, obwohl sie nach dem Abitur in Plochingen Volkswirtschaft studierte. Einige Jahre war Caroline Flüh als freie Beraterin für Unternehmen in Entwicklungsländern im Einsatz: in Sambia, Simbabwe, Kenia. "Dort kamen meine Kenntnisse über Ökonomie in der Textilbranche ja auch zum Einsatz." Sie schmunzelt. In ihrem Jugendbuch "Diebstahl im Waisenhaus" spielt ein Kleidungsstück zumindest eine Nebenrolle - oder sollte man sagen: ein Verkleidungsstück?! Emma und Leonie landen nämlich geschrumpft im preußischen Vorgestern. Ehe die Mädchen entdeckt werden, schließen sie Freundschaft mit dem gleichaltrigen Johann, der sie im Ärmelaufschlag seiner Uniformjacke versteckt.

Kinder in Uniform: Die Autorin hebt zur Erklärung an, die Worte sprudeln nur so aus ihr heraus. Dass Caroline Flüh einflicht, die historische Recherche habe sie begeistert, ist eine rhetorische Information. Man sieht es ihr an. "Der Vater von Friedrich II. war streng, aber sozial. In Potsdam ließ er ein Waisenhaus bauen - für Kinder armer Familien oder Kinder, deren Väter Soldaten waren. Als Friedrich II. König war, hat er das Waisenhaus erhalten, war ja auch nötig bei vier Kriegen." An die 2000 Mädchen und Jungen wohnten in dem riesigen Gebäude. Sie bekamen täglich zu essen, durften zur Schule gehen und wurden medizinisch versorgt, wenn sie krank wurden. "Alles kostenlos", weiß Caroline Flüh.

Bescheiden ist das Leben im Waisenhaus trotzdem, an Spielsachen, i-Pod oder ein eigenes Zimmer ist nicht zu denken. Emma und Leonie sind sprachlos, als sie miterleben, wie eng es in den Schlafsälen zugeht und wie unnachgiebig der Lehrer seine Schüler mit dem Rohrstock züchtigt, wenn sie nicht lernen. "Bei uns in der Schule werden keine Kinder geschlagen", sagt Emma an einer Stelle. Johann und sein Freund Georg staunen.

Während einer Stadtführung durch Potsdam erfuhr Caroline Flüh von der Geschichte des Waisenhauses, das mittlerweile ein Kulturzentrum beherbergt. "Ich war sehr berührt, das Schicksal der Mädchen und Jungen ließ mich nicht mehr los. Monate, Jahre oder sogar für immer waren sie von ihren Eltern getrennt. Statt zu spielen, mussten die älteren Kinder nach der Schule sogar arbeiten." Sie las eine Menge Bücher über die damalige Zeit. Dann schrieb sie ihr eigenes.

Info Caroline Flüh: Diebstahl im

Waisenhaus, 175 Seiten, 12,90 Euro, Colonie-Verlag.


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Autor: TANJA KASISCHKE | 03.02.2012

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