Ritter des donnernden Dezibel
Reichenbach/Fils. Mehr als drei Stunden lang röhrten im "h2o" in Reichenbach die Gitarren, brachen die Bässe Schneisen in die Gedärme der rund 500 Besucher, und über allem jubelten die strahlenden Stimmen dreier Stimmartisten.
Das Konzert war Teil einer "To the Metal" betitelten Europa-Tournee mit einer faszinierenden Show der Bands Gamma Ray, Freedom Call und Secret Spheres. "Melodic Metal" nennt sich das Genre, das im "h2o" bedient wurde. Da ist nicht jedes Kleidungsstück zwingend Schwarz, und die harten Jungs verraten in ihren Songs, dass auch sie verletzlich sind.
Die Jüngsten mussten zuerst raus, Aber das dürfte den Jungs von "Secret Sphere" aus Italien keine Probleme bereitet haben. Frisch und munter präsentierten sie eine starke halbe Stunde lang ihre gitarrengeprägte Version des schweren Metalls, bis sie von den Zuschauern freundlich, aber ohne Zugabenforderung entlassen wurden. Es folgte Chris Bay von "Freedom Call", der als Jung-Siegfried mit dem Publikum kommunizierte. Es waren Fans, die zum Teil einen weiten Weg auf sich genommen hatten, um mit den vier Nürnberger Protagonisten einer ans Mittelalter angelehnten Heldenverehrung eine Metal-Party vom Feinsten zu feiern.
In der Pause versank der Bühnenbereich plötzlich in Dunkelheit. Nur vorbeihuschende Irrlichter im dunklen Moor ließen den aus der Tiefe aufsteigenden Rauch kurz aufscheinen. Ein infernalischer Lärm hob an, und im Laufschritt kamen vier edle Ritter des donnernden Dezibel auf die Bühne geeilt. Kai Hansen in ihrer Mitte, der Anführer, das Urgestein des deutschen Heavy-Metal, der Ex-Frontmann und Gründer von Halloween. Mit seiner Band Gamma Ray, die Hansen 1989 mit seinem Freund Ralf Scheepers gegründet hatte, wollte es die Gitarristen-Legende aus Hamburg noch einmal wissen und zog los, nach über zwanzig Jahren den Süden erneut in einem Sturm satten Sounds zu erobern. Scheepers ist nicht mehr dabei, was man schade finden kann, denn der gebürtige Esslinger hätte am Freitag ein Heimspiel feiern können. Doch auch so hatten wahrlich alle was zu feiern. Mit Henjo Richter an der Leadgitarre greift ein wahrer Meister des flinken Fingers in die Saiten. Dirk Schlächter, der dürre Finsterling am Bass, unterstützt den Chef "on vocals" (im Rock-Zirkus sind Anglizismen nicht nur verzeihlich, sondern geboten: Englisch ist die Muttersprache des Rock!)
Dass "Gamma Ray" der Top-Act der Tour ist, beweist allerdings weniger die Musik (da mag es möglicherweise einen Abstand geben, aber den hört nicht jeder), sondern die Inszenierung: Statt einer halben Bühne, mit der sich die Supporters begnügen mussten, stand den vier Norddeutschen deren gesamte Tiefe mit einem erhöhten Podest für das Schlagzeug und weiteren Aufbauten zum Hinaufspringen für die Saiten-Artisten zur Verfügung. Gruselgestalten auf "Schreckens-Choppern" illustrierten von der Hinterwand aus das musikalische Spektakel, das man - und wieder ein Fachausdruck - in eben diesen Kreisen auch "das volle Brett" nennt. Doch ganz so laut war es gar nicht mal, sondern bei jedem Stück war ein transparenter Sound verantwortlich dafür, dass immer eine Melodie, eine Struktur erkennbar blieb. Echt romantisch eben.
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Autor: HEINZ BÖHLER | 16.03.2010
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