Leise Tränen auf der Flucht
Uhingen. Er im Westen, die Eltern im Osten: Manfred Hanckel hat im geteilten Deutschland vieles entbehren müssen. 20 Jahre nach dem Mauerfall blickt der 75-jährige Wahl-Uhinger zurück und hat seinen Frieden gefunden.
20 Jahre nach der Wende stehen die beiden Geschwister und deren Töchter wieder vor seiner Tür in Uhingen - mit vier Koffern, wie damals, im August 1989, als sie über Ungarn aus der DDR flüchteten. "Ein symbolischer Akt", sagt Manfred Hanckel über die Neuauflage. Die damalige Zeit zieht wie ein Film vor seinem geistigen Auge vorüber. Der Uhinger denkt an die vielen Entbehrungen, die das geteilte Deutschland mit sich brachte. Daran, dass er seine Eltern im Osten nur einmal im Jahr besuchen durfte und dass sie den Mauerfall leider nicht mehr miterlebt haben. Daran, dass er im Osten nicht studieren durfte und alles, was er dort hatte, mit dem Umzug in den Westen im Jahr 1955 verloren hat. Und daran, dass sein Cousin bei der Staatssicherheit als Spitzel gearbeitet hat. "Wenn ich ihn heute sehe, wird das Thema ausgeblendet. Ich habe meinen inneren Frieden gefunden", sagt Manfred Hanckel nachdenklich.
Der 75-Jährige ist ein Mensch, der die deutsch-deutsche Geschichte hautnah erlebt hat und ganze Bücher füllen könnte. Ein Vorhaben, das dem Pensionär immer wieder im Kopf herumspukt. Seine Nichte Sandra hat bereits den Anfang gemacht: Die heute 34-Jährige hat ihre Erlebnisse in der Wendezeit aufgeschrieben - von der Ablehnung, Verwandte im Westen besuchen zu dürfen, über die nächtliche Fahrt zum Flughafen und leise Abschiedstränen in der Dunkelheit, die Flucht nach Budapest bis zu dem Tag, als sie und ihre Mutter vor Manfred Hanckels Tür standen.
Der 20 Seiten lange Zeitzeugenbericht endet mit dem Mauerfall - es war der vierte Schultag der damals 14-Jährigen, die die Uhinger Haldenberg-Realschule besuchte. Als Hanckels Nichte - sie lebt heute in Augsburg - vor wenigen Wochen wieder vor der Tür stand, habe sie die erneute, symbolische Familienzusammenführung genutzt, aus ihrem Erlebnisbericht vorzulesen, berichtet der 75-Jährige. Erinnerungen an die Zeit des Kalten Krieges wurden wach, aber auch an die ersten Gehversuche der vier Verwandten in der BRD. "Wir konnten sie bei uns in der Einliegerwohnung aufnehmen", sagt Manfred Hanckel. Bekannte hätten das Notwendigste vorbei gebracht, um den vier Neuankömmlingen den Start zu erleichtern. Acht Monate später ging Hanckel mit seiner Frau Christine für zehn Jahre nach Afrika - das Haus übernahm die Nichte und ihre Mutter. "Wir waren dann Untermieter im eigenen Haus, wenn wir auf Urlaub nach Hause kamen", meint der Pensionär schmunzelnd.
Probleme, sich zu integrieren, habe keiner seiner Verwandten gehabt, betont der 75-Jährige. Auch er sei dankbar, dass er sich "gut situiert" im Westen niedergelassen habe. Manfred Hanckel kehrte bereits 1955 der DDR den Rücken - damals waren die Grenzen noch durchlässig. Über Westberlin und den Schwarzwald kam der damals 19-Jährige nach Heidenheim - "dort habe ich anfangs niemanden verstanden". Doch der gebürtige Granseer (die Stadt liegt etwa 60 Kilometer nördlich von Berlin) biss sich durch. Er lernte beim Tanzen in Stuttgart seine Frau kennen, eine Dresdnerin, baute 1977 in Uhingen ein Haus, holte das Studium nach und machte beim Daimler Karriere - inklusive vielen Auslandsaufenthalten wie in Indien oder in Iran (früher Persien). Ein Mann, der es im Westen geschafft hat, denkt man unwillkürlich, wenn man Manfred Hanckel zuhört.
Doch der 75-Jährige hat seine Freiheit und seinen beruflichen Erfolg teuer bezahlt: "Ich habe vieles im Osten verloren, aber ich bin trotzdem dankbar", sagt der Uhinger - und immer wieder schimmern Tränen in seinen Augen. Er habe Menschen, die ihn im Osten bespitzelt oder ihm das Leben schwer gemacht haben, vergeben. Und er ist froh, dass die Mauer ohne Blutvergießen fiel. "Das waren bedrückende und zugleich euphorische Momente", erinnert sich Hanckel an den 9. November 1989. Dass sich heute jemand die DDR-Zeit zurückwünscht, kann er ganz und gar nicht nachvollziehen.
Der Pensionär bereist die neuen Bundesländer heute "mit Freude und Wehmut". Jedes Jahr fährt er mit seiner Frau "rüber", um die Gräber der Eltern zu pflegen. Und Manfred Hanckel pilgert gerne auf dem Jakobsweg, von Görlitz nach Erfurt zum Beispiel. Oder vom Bodensee nach Zürich. Auch Santiago de Compostela hat er im Visier. Ein Ziel, das für seine Familie vor 20 Jahren völlig unerreichbar war.
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Autor: SUSANN SCHÖNFELDER | 10.12.2009
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Die DDR ist seit 20 Jahren Geschichte, doch vergessen wird Manfred Hanckel diese Zeit nicht. Der 75-jährige Uhinger konnte seine im Osten lebenden Eltern nur einmal im Jahr sehen. Foto: Giacinto Carlucci
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