Diskutieren über Gott und die Welt

Stuttgart.  Eigentlich wollte Esther Kuhn-Luz Ärztin werden. "Weil man einen Einser-Schnitt brauchte, habe ich das gelassen." Dann studierte die Tochter des "Fernsehpfarrers" Johannes Kuhn Theologie.

Die heute 52-jährige Esther Kuhn-Luz ist Wirtschafts- und Sozialpfarrerin in Stuttgart. Obwohl sie viel mit Medien zu tun habe, wäre dieser Bereich für sie nie in Frage gekommen. "Sie hat ihr eigenes Profil entwickelt und geschärft", sagt ihr 86-jähriger Vater, der Fernsehpfarrer Johannes Kuhn. Seine Augen blitzen vor Stolz, wenn er mit der Tochter über Religion diskutiert.

"Eine über Generationen gewachsene Pfarrersfamilie, wie es sie häufig gibt, sind wir nicht", sagt Johannes Kuhn, der heute in Leinfelden-Echterdingen lebt. Seine Eltern und die seiner Frau waren beide Bäcker. Weil er im Krieg gewesen und dort als ganz junger Flugzeugführer vom Tode verschont geblieben sei, habe er sich entschieden, sein berufliches Leben als Theologe in den Dienst der Nächstenliebe zu stellen. In Norddeutschland erlebte er seine ersten Berufsjahre. Bei einem Medienseminar der evangelischen Kirche entdeckte er seine Leidenschaft für den Rundfunk. 1961 kam er mit seiner Familie nach Stuttgart, wo er beim damaligen Sender SDR tätig war. Später kam er auch zum Fernsehen und brachte neun Jahre lang einem breiten Publikum in "Pfarrer Johannes Kuhn antwortet" theologische Fragen im Alltag nahe. Damals erreichten er und sein Vorgänger Adolf Sommerauer Einschaltquoten von bis zu 75 Prozent, "wovon man heute im Zeitalter des Privatfernsehens nur träumen kann". Als "Seelsorger der Nation" kannten ihn viele. "Da riefen bei uns oft Leute an, die Probleme hatten", erinnert sich Esther Kuhn-Luz. Vor allem ihre Mutter Henriette habe sich um deren große und kleine Anliegen gekümmert. Sie und ihre drei Geschwister hätten es genossen, dass im Hause Kuhn viele Menschen ein- und ausgingen - auch der Showmaster Hans-Joachim Kulenkampff und der Politiker Horst Ehmke zählten zu den Freunden. Am Esstisch wurde über Gott und die Welt gesprochen und auch gestritten. "Da habe ich Weite gespürt", findet Esther Kuhn-Luz. Den Umgang mit den Medien habe sie immer als etwas ganz Selbstverständliches erlebt. Später studierte sie in Bethel, Tübingen und Berlin. Dort arbeitete sie mit einer Pfarrerin zusammen, die im sozialen Brennpunkt Kreuzberg eine Gemeinde betreute. "Da habe ich gesehen, dass Gemeindearbeit nicht eng sein muss", erinnert sich die Theologin, die später 14 Jahre lang Pfarrerin in Schwenningen war. Während des Studiums lebte sie auch einige Zeit in Peru. Mit der Arbeit als Wirtschafts- und Sozialpfarrerin habe sie seit vier Jahren ihren idealen Platz gefunden, "weil ich hier Politik und Religion verbinden kann". Sie geht in Betriebe und hilft Arbeitnehmern in Krisensituationen. "Von meinem Vater habe ich das Netzwerken gelernt." Kooperationen und Kontakte seien in ihrer Stelle beim Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt von enormer Bedeutung.

Johannes Kuhn bewundert den politischen Weitblick seiner Tochter. Er selbst habe seinen Schwerpunkt in der Seelsorge gesehen. "Ich habe einzelnen Menschen geholfen, wo ich konnte." Da sei es ihm weniger um strukturelle oder um politische Prozesse gegangen. So habe sie im Lauf der Jahre viel von ihrem Vater gelernt und habe theoretische Positionen auf den Prüfstand des menschlichen Miteinanders gestellt, sagt Kuhn-Luz. Auch ihr Bruder Hans-Joachim ist Pfarrer. Nach dem Studium ging er in die Schweiz. Heute ist er Diakon in Adliswil.


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