Vor 70 Jahren fuhr der erste Todeszug
Stuttgart. Am 1. Dezember 1941 verließ der erste Zug mit jüdischen Bürgern den Killesberg Richtung Todeslager. Heute findet eine Gedenkveranstaltung statt.
Die ersten "Zuführungen" der aus 50 Orten in Württemberg und Hohenzollern stammenden jüdischen Bürger begannen in den letzten Novembertagen 1941. Im provisorischen Sammellager Killesberg auf dem ehemaligen Reichsgartenschaugelände verbrachten sie drei Tage und Nächte in drangvoller Enge in der so genannten "Ehrenhalle des Reichsnährstandes".
In den frühen Morgenstunden des 1. Dezember 1941 begann die Deportation. Vom Killesberg aus wurden rund 1000 Menschen bei Eiseskälte an der evangelischen Martinskirche vorbei über den Eckartshaldenweg zu den Gleisen am Inneren Nordbahnhof getrieben. Ziel des Transports, für den die Juden sogar noch 58 Reichsmark zahlen mussten, war das Lager Jungfernhof bei Riga in Lettland. Dort trafen sie am 4. Dezember ein. Viele von ihnen wussten nicht, was sie dort erwartete - die erste Deportation war noch als "Umsiedlung" getarnt.
Die Zustände im Lager waren unvorstellbar. Wer nicht arbeiten konnte, wurde ausgesondert. Am 26. März 1942 wurden in einem Wald bei Riga über 1600 Erwachsene und Kinder erschossen - unter ihnen ist auch der Großteil der deportierten württembergischen Juden. Von den rund 1000 Menschen des ersten Transports überlebten nur 43. Eine ist Hannelore Marx, die 1922 in Stuttgart als Hannelore Kahn zur Welt kam und heute in New York lebt. In einem Brief, der bei der Gedenkfeier heute Abend verlesen wird, berichtet sie über ihre Kindheit in der Stitzenburgstraße unterhalb vom Bopser, über den 9. November 1941, als die Synagogen angezündet und jüdische Geschäfte zerschlagen wurden, über den 27. November, als sie sich mit ihrer Familie im Lager auf dem Killesberg einfinden musste und über den Tag, als sie mit dem Deportationszug nach Riga fuhren. Ihre Mutter wurde an jenem Märztag 1942 erschossen, ihr Vater im August 1944.
Vom Inneren Nordbahnhof wurden zwischen 1941 und 1945 mehr als 2500 Menschen jüdischer Herkunft deportiert. Fast alle wurden in Theresienstadt, in Riga, in Izbica, in Auschwitz und in anderen Lagern der Nationalsozialisten umgebracht. Die Gleise in den Tod, die Rampe und die Prellböcke sind noch vorhanden. Seit 2006 erinnert dort die Gedenkstätte "Zeichen der Erinnerung" an das Geschehen.
Ende April 1945 leben von ursprünglich knapp 5000 Stuttgarter Juden nur noch rund 120 in der Stadt. Über 2000 konnten rechtzeitig emigrieren, der Rest wurde deportiert und in den meisten Fällen umgebracht. Die kleine Gruppe württembergischer Juden, die überlebt hatte, machte sich nach dem Krieg an den Wiederaufbau der Gemeinde. Die Einweihung der neuen Stuttgarter Synagoge 1952 wurde zum sichtbaren Zeichen, dass die Israelitische Religionsgemeinschaft in Württemberg wiedererstanden war. Seit ihrer Neugründung 1945 ist sie auf mittlerweile mehr als 3000 Mitglieder angewachsen.
Info Heute findet um 20.15 Uhr am "Zeichen der Erinnerung" (Otto-Umfreid-Straße) eine Gedenkveranstaltung von Stadt und Land statt, an der auch Minister Nils Schmid, OB Wolfgang Schuster und Landesrabbiner Netanel Wurmser teilnehmen.
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Autor: ELKE HAUPTMANN | 01.12.2011
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Von Inneren Nordbahnhof aus wurden jüdische Mitbürger in die Todeslager geschickt. Heute sind Gleise und Rampe eine Gedenkstätte. Foto: Archiv
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