Seminare gegen Fahrangst

Stuttgart.  Der Autoclub Europa (ACE) bietet nun auch in Stuttgart für Frauen Seminare gegen Fahrangst an. Das Angebot des ACE wird sehr gut angenommen: Die Teilnehmerzahlen steigen.

Mit zitternden Fingern und klopfendem Herzen umklammert sie das Lenkrad, atmet schwer durch die Nase ein, dann wieder aus. Kurz die Augen schließen, dann sucht die rechte Hand das Zündschloss, der Motor heult auf. Während sich andere Autofahrer entspannt in ihren Sitzen zurücklehnen, wandern die braunen Augen der jungen Frau unruhig hin und her. Jeden Moment könnte es wieder passieren, ein Augenblick der Unachtsamkeit würde ausreichen. "Du kannst das, versuch einfach, dich zu entspannen. Ich sitze neben dir, es kann nichts passieren", sagt ihr Mann auf dem Beifahrersitz. Alleine Auto zu fahren, das traut sie sich nicht mehr. Kurz nach der bestandenen Führerscheinprüfung geschieht das, wovor sich jeder Fahranfänger fürchtet: Ein Autounfall durch Selbstverschulden, das Auto hat einen Totalschaden. Seitdem fährt die 30-Jährige keinen Millimeter mehr ohne ihren Partner. Sie hat Fahrangst.

Elena Richter hat Angst vor dem Autofahren und dem eigenen Versagen. Die Vorstellung ganz allein in einem Wagen zu sitzen, lösen bei ihr Schweißausbrüche, Übelkeit, zeitweise auch Schwindel aus.

"Die Furcht wird durch konkrete Gefahrensituationen ausgelöst. Je näher die Gefahr rückt, desto stärker reagieren Psyche und Körper. "Wenn Furchtzustände wie Kälteschauer, Atembeschwerden oder Herzklopfen in solchen Situationen auftreten, spricht man von Panikattacken", sagt Diplom-Psychologin Surati Ferdinand.

Stress am Steuer ist eine alltägliche Situation, die jeder Autofahrer kennt: Staus, Zeitdruck, Drängler oder nervtötende Beifahrer. Eine regelmäßige Belastungssituation, in der es keine Möglichkeit zur Flucht gibt. Die entwickelte Energie staut sich an und manche Fahrerinnen geraten in einen dauerhaften Alarmzustand. Diese Ängste abzubauen, dauert Zeit und bedarf professioneller Hilfe. Darum melden sich immer mehr Frauen zur Seminarreihe "Mehr Mobilität für Frauen" an. In Zusammenarbeit mit der Hallo Frau GmbH, dem ABV (Aktiv in Beruf und Verkehr) und dem Autoclub Europa (ACE), wird der Kurs bereits in München und Köln angeboten, in Stuttgart ist er neu. "In dem vierstündigen Kurs können die tief gründenden Ängste nicht komplett beseitigt werden", sagt Ferdinand. "Vielmehr geht es darum, den eigentlichen Grund für die Angst zu finden und Wege aufzuzeigen, wie sie selbst mit dem Problem fertig werden. Jede Angst ist individuell."

Häufig machen Betroffene ihren ehemaligen Fahrlehrer oder den eigenen Ehemann verantwortlich für die immer wiederkehrenden Panikattacken. Harsche Kritik, ein rüder Umgangston in den Fahrstunden verstärkten bei vielen Frauen das Gefühl, einer Erwartung nicht gerecht zu werden. Die Angst zu versagen wächst. Abwertende Kommentare vom Ehemann über ihren Fahrstil tragen zu ihrer Unsicherheit bei.

Elenas Mann ist einfühlsam, unterstützt sie. Einmal im Monat fahren sie gemeinsam, mehr traut sie sich noch nicht zu. Sie nutzt Bus und Bahn, Stadtverkehr und hohe Geschwindigkeiten meidet sie. Dabei ist das Autofahren nicht das Problem, sondern die Angst davor, sich den eigenen Ängsten konsequent und kontinuierlich zu stellen. "Bevor sich eine Betroffene hinter das Lenkrad klemmt, sollte sie Entspannungsmethoden anwenden um sich geistig und körperlich auf das Fahren vorzubereiten. Atmen wirkt in Stresssituationen entspannend, führt dem Körper Sauerstoff zu", sagt die Psychologin. In der kleinen Gruppe von vier Kursteilnehmerinnen im Alter zwischen 20 und 75 Jahren und zwei Psychologinnen fühlt sich Elena Richter wohl.


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Autor: NATHALIE BEIER | 22.11.2010

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