Reise in die 60er Jahre für einen Werbespot

Stuttgart.  Zeitreise am Roten Stich: Die Filmakademie Ludwigsburg dreht in den Offiziershäusern in Bad Cannstatt einen Werbefilm und lässt dafür die 60er Jahre wieder aufleben.

60er Jahre, amerikanische Provinz: Joyce, das schwarze Hausmädchen eines weißen amerikanischen Ehepaares, setzt sich kurz zum Ausruhen auf einen Schemel. Ihr Blick fällt auf das Sofa, auf dem eben noch der Hausherr saß. Joyce steht auf, geht zum Sofa, nimmt die Schürze ab, setzt sich vorsichtig - und langsam lockert sie ihre steife Haltung. Der Zuschauer spürt: In diesen Momenten passiert etwas. Ohne dass viel getan oder gesprochen wird, vollzieht sich etwas Wichtiges - eine leise Rebellion. "Es geht um Freiheit und Gleichberechtigung", sagt Regisseur Ole Ziesemann, der diesen Werbefilm als Student an der Filmakademie Ludwigsburg mit seiner 30-köpfigen Crew realisiert. Die Projektarbeit zeigt einen Tag im Leben der jungen Frau, die plötzlich aus ihrer Dienstmädchenrolle schlüpft, ihr Leben auf den Kopf stellt - und so ihre Selbstständigkeit entdeckt.

Inszeniert wird der Werbespot fiktiv unter dem Label von Diesel. Die Marke hat Ziesemann gewählt, da die Werbestrategie von Diesel auf Unkonventionalität setzt und damit zu seiner Idee passt. Dass ein Unternehmen eine solche Projektarbeit kauft, geschieht eher selten, ist aber auch nicht Sinn und Zweck. "Vielmehr geht es darum, eigene Ideen kreativ umzusetzen, Erfahrungen zu sammeln und sich bekannt zu machen", sagt Produzentin Corinna Gallion. Deswegen wird das Team den Film auf allen wichtigen nationalen und internationalen Werbefilm-Festivals einreichen.

Von Mittwoch bis Samstag waren die Dreharbeiten am Roten Stich im Gange, die SWSG stellte der Crew das Gelände kostenlos zur Verfügung. "Wir freuen uns, dass wir die Studierenden der Filmhochschule unterstützen können", so Samir Sidgi, Bereichsleiter Wohnungsverwaltung. Die Offiziershäuser aus dem Jahr 1956 sind die perfekte Kulisse. Jedes Haus hat zwischen Garage und Wohnhaus sogar tatsächlich ein Dienstmädchenzimmer - gerade mal sieben Quadratmeter groß. Detailgetreu hat die Szenenbildnerin die Räume hergerichtet: Telefon und Fernseher, Radio und Staubsauger, Nähkästchen und Aschenbecher - alles stammt aus den 60er Jahren. Auf dem Esszimmertisch stehen die Reste des typisch amerikanischen Frühstücks: Toastbrot, Muffins und Waffeln, Würstchen, Cornflakes und Orangensaft in Dosen.

Ebenso detailverliebt hat der Kostümbildner die Kleidung der fünf Darsteller ausgesucht, darunter Handschuhe aus Kalbsleder und Kroko-Handtasche. Gedreht wurde bis Samstag. Nun folgen Schnitt, Farbkorrektur, Vertonung und Postproduktion. Ende Oktober soll der Werbespot fertig sein - und mit mehreren Minuten um einiges länger als herkömmliche Werbefilme. "Diese künstlerische Freiheit ist uns wichtig, da Werbung dann interessant ist, wenn sie eine Geschichte erzählt", so Ziesemann. Eine packende Geschichte über Selbstbestimmtheit erzähle sein Film. So spannend kann Werbung sein.


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06.09.2010

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