Klinikpersonal schlägt Alarm

Stuttgart.  Die Überbelastung des Personals in Krankenhäusern explodiert. Immer mehr Überstunden, immer weniger Zeit für Patienten und die Flucht aus dem Beruf kennzeichnen die Situation.

Die BIV Nord-Baden-Württemberg (Betriebliche Interessen-Vertretung) - ein Zusammenschluss der Betriebsräte, Personalräte und Mitarbeitervertretungen von mehr als 50 Krankenhäusern in Nord-Baden-Württemberg- schlägt Alarm. "Die Überbelastung des Personals an Krankenhäusern explodiert", sagt Thomas Böhm, der Sprecher der BIV. Insgesamt würden 5000 bis 6000 Stellen fehlen. die Gewerkschaft Verdi kritisiert es schon seit langem, dass in den Kliniken durch den Abbau von Personalstellen dringend notwendige Investitionen auf dem Rücken der Beschäftigten finanziert werden. Das habe ein derartiges Ausmaß angenommen, dass man nicht wüsste, "wohin das noch führen soll".

Seit fast zwei Jahren ist man mit dem Thema beschäftigt, habe Gespräche mit dem damaligen Ministerpräsident Günther Oettinger geführt und habe laut Böhm auch schon den jetzigen Landeschef Stefan Mappus kontaktiert, um ihm eine Liste mit rund 10 000 Unterschriften zu übergeben. "Sein Referent teilte uns mit, dass Mappus aus Termingründen keine Zeit hat, sich mit uns zusammenzusetzen", sagt Thomas Böhm. Die Unterschriftenliste werde man aber bei einer Aktion am Sozialministerium aufhängen, denn, so Böhm, "von der zweiten Garde lassen wir uns nicht abspeisen". Das Thema brennt den betrieblichen Interessenvertretern auf der Seele. Am stärksten mache sich laut Böhm der Mangel im Bereich der Pflege bemerkbar: "Die Arbeitsbelastung ist zu hoch." Gründe für den Fachkräftemangel seien die mangelnde Attraktivität der Arbeit im Krankenhaus. Dies mache sich hauptsächlich an der zu niedrigen Vergütung, insbesondere im Pflege- und Funktionsdienst, und an den zunehmend schlechten Arbeitsbedingungen fest. Personal werde abgebaut, die Patientenzahlen steigen. "Die jungen Menschen, die im Krankenhaus lernen, schließen zwar ihre Ausbildung noch ab, aber suchen sich dann etwas anderes, weil sie keine Perspektiven sehen und unter diesem Druck nicht arbeiten wollen", so Böhm.

Der Vorsitzende des Konzernbetriebsrats, Klinikverbund Südwest, Herbert Dietel, spricht von rund 40 Überbelastungsanzeigen, die man im vergangenen Jahr hatte. "Diese Zahl haben wir jetzt schon in diesem Jahr erreicht." Mit einer Überbelastungsanzeige teilt das Personal seinem Arbeitgeber mit, wie hoch die Belastung beispielsweise an einem bestimmten Tag in seiner Schicht war. 50 000 bis 60 000 Überstunden würden zudem anfallen. "Die Landesvertretung soll sich entscheiden, was ihr die Gesundheitsversorgung wert ist", so Dietel.

Von den Kliniken in Ludwigsburg werden ebenfalls keine positiven Zahlen vermeldet. Zwischen den Jahren 2005 und 2008 wurden etwa 60 Stellen abgebaut, die Überstunden boomen nahezu. Im vergangenen Jahr gab es 150 Überbelastungsanzeigen. Obwohl für die ersten drei Monate 2011 noch keine Zahlen genannt werden können, ist aber eine steigende Tendenz sichtbar. Der Betriebsrat des Robert-Bosch-Krankenhaus hat im vergangenen Jahr 254 Überbelastungsmeldungen registriert, dort müssten zudem noch bis Ende März 1500 Resturlaubstage abgebaut werden.

Beunruhigend sind die Zahlen am Klinikum Stuttgart. 6000 Mitarbeiter sind auf die verschiedenen Standorte verteilt. Seit Januar 2011 seien schon mehr als 100 Belastungsmeldungen eingegangen. "Die Mitarbeiter sind ausgepumpt. Auf den Stationen sieht man manchmal Mitarbeiterinnen mit Tränen in den Augen, weil es einfach nicht mehr zu schaffen ist", sagt der Vorsitzende des Personalrates im Klinikum Stuttgart, Jürgen Lux. Spürbar sei, dass man nach seiner Schicht "einfach nur noch aus dem Haus möchte". Besorgniserregend sei der Pflegebereich. Waren es 2002 noch rund 1770 Stellen, die besetzt waren, sind es nun noch 1660 (Stand Januar 2011). Von den Überstunden will Lux erst gar nicht reden: 200 000 Stunden sind es am Klinikum. "Die Belastung ist zu hoch. Es ist dringend Zeit, dass das Land uns entlastet."

Gefordert wird, dass das Land seinen Verpflichtungen zur Investitionskostenfinanzierung nachkommt und die Krankenhaus-Investition verdoppelt, um die Arbeitsbelastungen abzubauen und eine gute Patientenversorgung sicherzustellen. Aus diesem Grund rufen Verdi, die BIV und der Marburger Bund am Donnerstag, 17. März, die Beschäftigten der Krankenhäuser zu einer landesweiten Demo in Stuttgart auf. Auftakt ist um 15 Uhr am Hauptbahnhof. Von dort führt der Demonstrationszug zum Schlossplatz, wo um 16 Uhr die Kundgebung beginnt.


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Autor: YVONNE WEIRAUCH | 11.03.2011

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