Kirche bekämpft Sinkflug
Stuttgart. Seit Jahrzehnten verliert die katholische Kirche in Stuttgart ihre Mitglieder. Jetzt sucht Stadtdekan Christian Hermes nach neuen Möglichkeiten, um dem anhaltenden Sinkflug entgegen zu wirken.
Die Analyse des Mitgliederschwunds in der katholischen Kirche in Stuttgart hat ein ernüchterndes Ergebnis gebracht. Für Thomas Schwarz, den Leiter des statistischen Amtes, ist nach der Auswertung der Daten klar: Die beiden großen Volkskirchen in der Landeshauptstadt werden weiter schrumpfen. Gab es 1975 in Stuttgart noch 293 580 Einwohner mit evangelischer Religionszugehörigkeit und 196 170 Katholiken, so waren es 2010 noch 162 470 respektive 140 240. Mit der Folge, dass schon in Kürze die Hälfte aller Stuttgarter keiner der beiden großen christlichen Kirchen mehr zuzurechnen sein dürfte, so die Prognose der Statistiker. Schon jetzt gehören 47,7 Prozent der Einwohner keiner christlichen oder überhaupt keiner Religion an. Ganz anders noch im Jahr 1975, als nahezu jeder zweite Stuttgarter evangelisch und jeder dritte katholisch war.
Seit 20 Jahren verliert die evangelische Kirche im Schnitt jährlich etwa 1,5 Prozent ihrer Mitglieder, bei ihrer Schwesterkirche ist es ein Prozent. Was vor allem durch die vielen katholischen Zuwanderer begünstigt wird, deren Kirchenbindung sehr viel enger ist. Inzwischen haben 43 Prozent der Katholiken und 12 Prozent der Protestanten in Stuttgart einen Migrationshintergrund. Die größte Gruppe der Migranten gehört aber mit mehr als zwei Dritteln einer anderen Religion als der christlichen an - unter anderem leben rund 60 000 Muslime der Stadt.
Der Mitgliederschwund ist im Stadtgebiet unterschiedlich stark ausgeprägt. Gemeinden wie die Dompfarrei St. Eberhard, St. Laurentius in Freiberg oder Maria Königin des Friedens in Büsnau haben seit 1990 fast 30 Prozent ihrer Mitglieder verloren. Im gleichen Zeitraum konnten Gemeinden wie St. Peter in Bad Cannstatt, Hl. Maximilian Kolbe in Vaihingen oder St. Michael in Sillenbuch Zuwächse von bis zu neun Prozent und mehr verzeichnen. Die Austritte häufen sich immer dann, wenn seitens der Politik an der Steuerschraube gedreht wurde, so die Statistiker. Am höchsten ist die Austrittswahrscheinlichkeit in der Altersgruppe der 30- bis 45-Jährigen.
Die statistische Erhebung ist Teil des im vergangenen Herbst begonnenen Projekts "Aufbrechen - Katholische Kirche in Stuttgart", das einen grundlegenden Erneuerungsprozess einläuten soll. Für Stadtdekan Christian Hermes steht fest: "Wir müssen dringend gegensteuern." Zumal es einen realen wirtschaftlichen Druck gebe. Im Sommer will man eine erste Zwischenbilanz ziehen.
Zu schaffen machen der katholischen Kirche nicht nur die Austritte. Seit Jahren sterben mehr Gemeindemitglieder als durch Taufen hinzukommen. Zwischen 1991 und 2009 kamen auf 30 000 Beerdigungen 20 000 Taufen. Mittlerweile sind nur noch 13 Prozent der unter Sechsjährigen in Stuttgart katholisch. Auch das ist eine Folge des demografischen Wandels, der sich ebenfalls im Durchschnittsalter der Kirchenmitglieder ausdrückt - in den letzten zwanzig Jahren stieg dieses bei der katholischen Kirche von 40,3 auf 44,1 Jahre, bei der evangelischen Kirche von 45 auf 47,1 Jahre. Hohe Austrittszahlen wie 2010, als die Missbrauchsskandale publik wurden, tun da nur ihr übriges.
Geld, so sagt man, ist die Wurzel allen Übels. Doch auch die katholische Kirche kann längst nur noch in der Form eines wirtschaftlich denkenden Unternehmens geführt werden. So erscheint es wenig verwunderlich, wenn der Stadtdekan konkrete Pläne schmiedet, wie man künftig mit dem Inhalt des kirchlichen Geldsäckels am besten haushaltet. Ohne dabei die "pastorale Seite" außer Acht zu lassen, wie Hermes betont.
Die zentrale Frage sei doch: "Wozu ist die Kirche dieser Stadt da?" Denn wenn es um die Verteilung der kirchlichen Aufgaben wie die Arbeit in sozialen Bereichen, die Kulturvermittlung oder die Förderung des Glaubens gehe, dann führe an einer Neuausrichtung kein Weg vorbei. "Wir müssen uns von der Idee lösen, das jede Gemeinde alles machen kann", sagt Hermes. "Wir müssen Schwerpunkte bilden."
Bis zum Jahresende ist nun jede Gemeinde angehalten, Inventur zu machen. Denn die Kosten für den Betrieb und die Instandhaltung der Gottes- und Gemeindehäuser würden die eigenen finanziellen Möglichkeiten längst bei Weitem übersteigen. Es gebe eine Reihe von Immobilien, von denen man sich trennen könne. Ein komfortables großes Gemeindehaus werde man nicht mehr an jedem Ort halten können. Hermes ahnt: "Das wird an vielen Stellen wehtun."
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Autor: JAN-PHILIPP SCHÜTZE | 10.02.2012
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Zwischen 1990 und 2009 hat die katholische Kirchengemeinde St. Martin in Bad Cannstatt mehr als 16 Prozent ihrer Mitglieder verloren. Dies wirkt sich auch auf die Finanzlage der Kirche aus. Foto: Jan-Philipp Schütze
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