Käsebrote gegen den Kummer

Stuttgart.  Käsebrote gegen den Kummer: Seit zehn Jahren kümmert sich die 86-jährige Hertha Fleiner in der Stuttgarter Vesperkirche ehrenamtlich um Arme und Obdachlose. Sie ist ein Urgestein unter den Helfern.

Die Eingangstüren der Leonhardskirche schwingen im Sekundentaktakt auf und zu. Draußen ist es ungemütlich kalt an diesem eisigen Februarmorgen, und so ist es nicht verwunderlich, dass mehr und mehr Menschen eilig in das Innere der gut gewärmten Kirche strömen. Seit die Vesperkirche in der Stuttgarter Innenstadt vor 17 Jahren von Diakoniepfarrer Martin Friz ins Leben gerufen wurde, kommen Jahr für Jahr mehr arme, bedürftige oder einsame Menschen, um in Gesellschaft und für kleines Geld ein warmes Mittagessen zu sich zu nehmen.

Möglich machen dies nicht nur zahlreiche Geld- und Lebensmittelspenden von Firmen und Privatpersonen. Der Erfolg der Vesperkirche steht und fällt auch mit dem Engagement der vielen ehrenamtlichen Helfer, die sich jeden Tag um die Zubereitung und Ausgabe der Speisen kümmern. So auch Hertha Fleiner. Mit 86 Jahren ist sie die Älteste hier, und wenn man so will, das Urgestein unter den Vesperkirchen-Helfern. Seit zehn Jahren ist sie schon dabei, jeden Donnerstag von morgens um neun bis abends um fünf. In all den Jahren hat sie nicht einmal gefehlt. "Ich möchte es auf keinen Fall missen", betont Fleiner.

Der Tag in der Vesperkirche beginnt für die lebensfrohe ältere Dame mit der morgendlichen Besprechung in der Sakristei, bei der allen Helfern die Tätigkeiten für den Tag zugewiesen werden. Ales erstes müssen jeden Tag die belegten Brote für die kostenlosen Vesperbeutel zubereitet werden. Jüngere und ältere Ehrenamtliche arbeiten gemeinsam im Akkord - bis zu 2000 Brotscheiben werden an einem einzigen Tag geschnitten, mit Butter bestrichen und mit Käse oder Wurst belegt. Dass Fleiner diese Tätigkeiten im Sitzen ausüben kann, kommt der 86-Jährigen entgegen. "Zu lange Stehen ist in meinem Alter eben nicht mehr so gut."

Zur Vesperkirche kam Fleiner vor zehn Jahren "aus einem seelischen Tief heraus", wie sie heute rückblickend sagt. Ihr Mann hatte sie verlassen. Ein schwerer Schlag. "Ich wurde sozusagen ins kalte Wasser geworfen und musste schauen, wie ich an der Oberfläche bleibe." Dass Fleiner nicht "unterging" ist nicht zuletzt einer guten Freundin, damals Diakonin in der Kirchengemeinde Stuttgart-Nord, zu verdanken. Diese habe sie damals das erste Mal mit zur Vesperkirche genommen, mit dem Ziel, durch die Hilfe für andere Menschen auch sich selbst zu helfen. Mit Erfolg. Am Anfang hab sie die Arbeit in ungewohnter Umgebung zwar schon etwas Überwindung gekostet, erzählt Fleiner.

Ihre Begeisterung für die Idee des Vesperkirchen-Gründers Martin Friz ist nach wie vor ungebrochen. Der verstorbene Stuttgarter Diakoniepfarrer hatte einst den Traum, dass alle Obdachlosen, Armen und Bedürftigen in eine Kirche kommen können und dort rundum versorgt werden. Im Januar 1995 wurde dieser Traum Wirklichkeit. "Wenn ich am Abend nach Hause komme, habe ich jedes Mal das gute Gefühl, anderen Menschen geholfen zu habendenen es schlechter geht als mir." .


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Autor: JAN-PHILIPP SCHÜTZE | 04.02.2012

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