Ein Klassenzimmer voller Poeten

Stuttgart.  Der Gablenberger Dichter Harry Fischer ermunterte Schüler in der Brunnenrealschule in Bad Cannstatt zum Schreiben eigener Gedichte.

"Literatur ist bei unseren Schülern etwas Abgehobenes, deshalb freue ich mich umso mehr, dass Sie gekommen sind", sagt Birgit Zink, Rektorin der Brunnenrealschule in Bad Cannstatt zu Harry Fischer. Der strahlt, bei dem Kompliment. "Ein echter Dichter kommt?", hatten die Sechstklässler ihre Lehrerin Andrea Faißt gefragt. Dann steht er vor der Klasse in Jeans, Pulli und Sakko und wird freudig begrüßt. Fischer ist nicht das erste Mal in der Brunnenrealschule. Er war kürzlich bei Fünftklässlern. "Es ist für mich tief beeindruckend, was die Kinder manchmal trotz schlechter Leistung im Fach Deutsch verarbeiten", hat Fischer festgestellt.

Der Poet kreist geschickt das Thema ein und bringt die Schüler Schritt für Schritt dazu, sich mit der Sprache näher zu befassen. Er überrascht sie zunächst mit einer arabischen Begrüßung. "Eine andere Sprache ist schwer zu lernen, dichten aber nicht", behauptet Fischer keck und fordert im Laufe des Nachmittags seine Nachwuchspoeten Punkt um Punkt heraus. Die lassen sich begeistern. Er nimmt sie mit auf eine Reise. Im Nu haben die Schüler herausgefunden, dass die Reise im Kopf stattfindet.

Auch die Rebellion darf nicht fehlen. "Poesie ist für mich ein Rebellieren gegen die Vergänglichkeit", sagt Fischer. Ihr rebelliert vielleicht wegen zu wenig Taschengeld, den Hausaufgaben oder länger aufbleiben. Die Schüler dürfen sich andere Wörter für rebellieren ausdenken: Es kommen Vorschläge wie "dagegen sein, dafür kämpfen". Fischer fragt, was ist Poesie? "Wir wollen probieren, wie Poesie schmeckt." Der Dichter lässt auch Fragen offen. "Ich weiß, was Poesie ist, aber erklären kann ich es nicht." Jeder fühlt es und sieht es. Beim Gedicht von der Blume, die vergaß zu blühen, entdecken die Kinder die symbolische Bedeutung: "Sie hat ihr Leben nicht genossen, so wie es jetzt ist und das genutzt, was sie hat", sagt ein Junge. "Man weiß ja nicht, was morgen passiert", sagt ein anderer Schüler.


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Autor: IRIS FREY | 06.02.2012

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