Die neue Lust am Gärtnern
Stuttgart. "Urban Gardening" liegt im Trend. Die Stuttgarter Freien Wähler regen an, in der Landeshauptstadt Minibeete am Straßenrand anzulegen. Dabei sollen Bürger ihren grünen Daumen unter Beweis stellen.
Früher wurde Gärtnern oft als spießig angesehen, heute liegt es voll im Trend. In etlichen deutschen Städten stellen Bürger ihren grünen Daumen unter Beweis - und zwar abseits der Schrebergartenkolonien. Sie schütten kurzerhand in Hinterhöfen Erde auf oder bepflanzen innerstädtische Brachflächen - und dass, ohne nach einer Genehmigung zu fragen. "Urban Gardening" heißt die Bewegung, die nun auch Stuttgart erreicht.
Meine Stadt soll grüner werden - dieser Trend kommt aus den USA, wo bereits zahlreiche Brachen in Großstädten landwirtschaftlich genutzt werden. Aus verlassenen Industriegrundstücken werden Nutzgärten, Verkehrsinseln, Mittelstreifen und Baumscheiben eigenständig begrünt. Nachbarn tun sich zusammen, pflanzen neben mehrspurigen Straßen Rosen und Rasen, stellen Bienenstöcke auf. Mitten in der Stadt - als Zwischenlösung auf Zeit wird ökologischer Ackerbau betrieben.
Auch in Deutschland greifen immer mehr Bürger zu Spaten und Harke und machen ihr Umfeld grüner. Die Beweggründe für die Pflanzaktionen sind ganz unterschiedlich. In Hamburg begrünen so genannte Guerilla-Gärtner heimlich Verkehrsinseln, weil die Hanse-Metropole ihrer Meinung nach zu grau ist. In Dessau fehlen die finanziellen Mittel für die Pflege des städtischen Grüns, darum werden die Bürger mit ins Boot geholt: Sie können die Parzellen auf den vielen Brachflächen nach eigenen Ideen gestalten. In Berlin stehen auf dem stillgelegten Tempelhofer Flugfeld 400 mobile Hochbeete, die an jedermann vermietet werden, und in Kreuzberg wurde aus einer Ödnis der "Prinzessinnengarten", in dem 150 Anwohner gemeinsam gärtnern.
Auch in Stuttgart sollen die Bürger Minigärten in unmittelbarer Nachbarschaft anlegen, regen die Freien-Wähler-Stadträte Rose von Stein und Jürgen Zeeb in einem Antrag an die Verwaltung an. Die Stadt solle erklären, wo und an welchen Plätzen "Urban Gardening" ermöglicht werden könne und mit welchem Aufwand solcherart bürgerschaftliches Engagement verbunden wäre.
Gibt es bald schon Kräuterbeete und Tomaten am Straßenrand? Dem Wildwuchs mitten in der Stadt begegnet Volker Schirner, der Leiter des städtischen Garten-, Friedhof- und Forstamtes, mit gewisser Skepsis. Die Idee sei "grundsätzlich nicht schlecht", aber schwierig umzusetzen. Denn zum Prinzip der Bewegung gehöre, ohne Vorschriften und Zwänge in der Erde wühlen zu können. "Ganz ohne Vereinbarung mit dem Grundstückeigentümer aber geht es nicht", meint Schirner. Sein Amt würde sich als Manager der städtischen Grünflächen verstehen. "Da steckt ja auch Konzept dahinter."
Enormes Interesse an den Mini-Garten vor der eigenen Haustür wäre garantiert: Kleingärten stehen hoch im Kurs. Die Landeshauptstadt, in der es immerhin 29 Gartenbauvereine mit entsprechenden Anlagen gibt, hat derzeit rund 4500 Grundstücke als Gartenland verpachtet. Die Nachfrage ist riesig. Es gibt eine lange Warteliste, derzeit sind rund 1800 Interessenten vorgemerkt. Die durchschnittliche Wartezeit beträgt ganze acht Jahre. Die improvisierten Beete im Hinterhof wären da wohl eine echte Alternative.
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Autor: ELKE HAUPTMANN | 06.10.2011
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Ein Müllsack dient als Pflanzbehälter für eine Zucchini. Foto: dpa
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