Die Kunst der freien Rede

Stuttgart.  Der "Verdi Rhetorik Klub Stuttgart" gehört zur internationalen Vereinigung der Toastmasters. Seit fünfeinhalb Jahren treffen sich auch hier alle zwei Wochen Menschen, um freies Reden zu üben.

Die Aufregung ist Bernd Karlovits kaum anzumerken. Nur wer ganz genau hinschaut, bemerkt die Anspannung in den Händen, mit denen er das Rednerpult fest umklammert. Fünf bis zehn Minuten soll Karlovits nun vor 23 ihm teils fremden Personen eine Rede über ein selbstgewähltes Thema halten. "Ich dachte, das wird eine mittelgroße Katastrophe", gesteht der Degerlocher hinterher.

Karlovits ist erst seit kurzem Mitglied bei den Stuttgarter Toastmasters, die sogenannte Eisbrecherrede ist an diesem Abend für ihn vielmehr eine Feuertaufe. "Ich hatte immer Schwierigkeiten, vor mehr als zwei oder drei Leuten zu sprechen, die ich nicht persönlich kannte", erläutert Karlovits seine Beweggründe, sich dem "Verdi Rhetorik Klub Stuttgart" anzuschließen.

Der Klub gehört zur internationalen Vereinigung der Toastmasters, die 1924 in den USA gegründet wurde und deren Mitglieder mittlerweile in rund 270 000 Klubs weltweit ausgebildet werden. Seit fünfeinhalb Jahren treffen sich auch in der Landeshauptstadt alle zwei Wochen Teilnehmer aus unterschiedlichsten Berufen und Altersgruppen im Gewerkschaftshaus in der Willi-Bleicher-Straße, um gemeinsam das freie Reden zu erlernen und zu verbessern.

"Reden lernen durch reden", lautet das Motto, das alle Mitglieder beherzigen sollen. Da es keinen einzelnen "Lehrer" gibt, steht die gegenseitige Unterstützung aller Teilnehmer an oberster Stelle. Bei jedem Treffen schlüpfen die Toastmasters in eine andere Rolle. Einer übernimmt die Begrüßung der Anwesenden, ein anderer die Moderation des Abends, wieder ein anderer hat die Aufgabe, alle "Äh" in den Reden zu zählen. Wer selbst keine Rede hält, kann dafür eingeteilt werden, den Vortrag eines anderen zu beurteilen und dessen Stärken und Schwächen dann in einer sogenannten Wertschätzungsrede darzulegen. Eine Bewertung, die den Ehrgeiz der Teilnehmer weckt.

So wie bei dem Degerlocher Bernd Karlovits. Seine Beurteilung an diesem Abend fällt durchaus positiv aus, und die Anspannung weicht schnell der Erleichterung - und der Motivation, noch mehr zu erreichen. Für die meisten steht der Wunsch nach besserer Rhetorik im beruflichen Alltag im Mittelpunkt. Zwar würde die nötige Theorie in entsprechenden Fortbildungskursen vermittelt - an der praktischen Umsetzung hapere es aber meist, so Claudia Oestreich, die Sprecherin der Stuttgarter Toastmasters. Deshalb steht beim Rhetorik-Klub neben dem Studium der Lehrbücher vor allem die Praxis im Vordergrund. "Rhetorik ist ein echtes Handwerk, dass man nur über viele Jahre lernen kann."


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Autor: JAN-PHILIPP SCHÜTZE | 15.11.2011

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