80 Meter geballter Protest
Stuttgart. Ein außergewöhnliches Stück Geschichte ist von heute an in der Ausstellung "Dagegen leben? - Der Bauzaun und Stuttgart 21" zu sehen. Ein Jahr lang haben Mitarbeiter im Haus der Geschichte die Texte analysiert.
Es war der Abend des 30. Juli 2010, als die Vorbereitungen für den geplanten Abriss des Bahnhof-Nordflügels mit dem Aufstellen eines Bauzauns begannen. Binnen kürzester Zeit vereinnahmten vor allem die Gegner von Stuttgart 21 den Zaun für ihre Zwecke, befestigten Plakate, Collagen, Zettel und andere Objekte.
Das Absperrinstrument wurde auf diese Weise zu einem Instrument der ganz persönlichen Meinungsäußerung umfunktioniert. "Es war uns sehr wichtig, dieses herausragende Exponat zu sichern", betont Thomas Schnabel, Leiter des Hauses der Geschichte. "Der Bauzaun spiegelt die Sprachlosigkeit wider, die in den Jahren vor dem Protest geherrscht hat. Wir wollen hier in der Ausstellung erreichen, dass man weiter über ihn redet und diskutiert."
An dem 80 Meter langen und 3,20 Meter hohen Zaun sind rund 2500 Objekte befestigt, 400 von ihnen wurden für die Ausstellung intensiver unter die Lupe genommen. Ein Jahr lang haben die Mitarbeiter des Hauses die Exponate gesichtet, analysiert und katalogisiert. Von Regen und Schnee durchweichte Plakate mussten getrocknet und geglättet werden, einige Zettel haben neue Schutzhüllen aus Plastik erhalten.
An Computer-Terminals können die Besucher nun mehr über die Hintergründe der Exponate erfahren. "Es ist ganz klar eine Entwicklung zu sehen", sagt Ausstellungsleiterin Paula Lutum-Lenger. Immer wieder wandelte sich das Aussehen des Zauns, auf aktuelle Entwicklungen, wie die ersten Abrissarbeiten am Nordflügel oder den Polizeieinsatz am 30. September im Schlossgarten, wurde stets sofort reagiert. So durchlief der Zaun nach und nach verschiedene "Epochen". Auch wiederkehrende Motive sind zu finden, wie Abwandlungen der offiziellen Werbe-Slogans, religiöse Motive oder die karikierten Darstellungen von prominenten Projekt-Befürwortern.
"Der Protest ist für viele Teil eines temporären Lebensstils geworden", sagt Lutum-Lenger. In geschichtlicher Hinsicht sei der Zaun sehr faszinierend: "Das ist ein originales, authentisches Objekt, da geht uns Museumsmenschen das Herz auf."
Der Zaun ist so zu sehen, wie er am 2. Dezember 2010 abgebaut wurde. "Wir haben nichts entfernt", betont Lutum-Lenger. Viele Objekte seien schon im Vorfeld von Privatpersonen oder im Zuge strafrechtlicher Ermittlungen abgehängt worden. 250 000 Euro wurden in die Ausstellung investiert, darin enthalten sind auch die 30 000 Euro für den Ersatzzaun, der damals an gleicher Stelle wieder aufgebaut wurde.
Die Ausstellung ist zu sehen bis zum 1. April im Haus der Geschichte, Konrad-Adenauer-Straße, dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr, donnerstags bis 21 Uhr.
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Autor: JAN-PHILIPP SCHÜTZE | 16.12.2011
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Ein Jahr lang wurde der plakatierte Bauzaun genau analysiert. Die Ergebnisse sind nun im Haus der Geschichte zu begutachten. Foto: Jan-Philipp Schütze
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