Nachtführung auf die Hiltenburg

Vor 500 Jahren wurde die Burg Hiltenstein Opfer der Flammen. Bei einer nächtlichen Verführung zum ehemaligen Hauptwohnsitz der Helfensteiner wurde das historische Drama wieder lebendig.

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Schweiß fließt, Kondition ist gefragt. Der Aufstieg zur Hiltenburg ist alles andere als ein Sonntagnachmittagsspaziergang. Doch die hundert Gäste wollen sich das historische Drama, das sich vor 500 Jahren auf dem 752 Meter hoch gelegenen Hauptwohnsitz der Grafen von Helfenstein abspielte, noch einmal vergegenwärtigen; eine Nachtführung im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Sommer der Ver-Führungen“ macht dies möglich.

Glücklicherweise legt Wanderführer Eugen Bosch, passend in Kleidung des späten Mittelalters gehüllt, ab und zu eine Pause ein und informiert über Flora und Fauna links und rechts des Weges. Ob Weideröschen, Ruprechtskraut, wilde Möhren, Haselwurz oder Witwenblume: Bosch kennt alles, was grünt und blüht; und weiß über jedes Pflänzchen ein paar Worte zu sagen.

Nach knapp eineinhalb Stunden sind die 240 Höhenmeter von Bad Ditzenbach hinauf auf den Schlossberg  geschafft. Ein imposanter Ausblick auf das Obere Filstal und den Albtrauf ist der Mühe Lohn. Fackeln erhellen das Setting, und die Protagonisten von anno dazumal – Graf Ulrich von Helfenstein, seine Ehefrau Gräfin Katharina, Herzog Ulrich von Württemberg, Kaiser Maximilian und ihre Zeitgenossen – warten auf ihren Auftritt.

Doch zuvor hat Bad Ditzenbachs Bürgermeister Herbert Juhn das Wort. Insgesamt 900.000 Euro seien in den vergangenen Jahren in die Burgruine geflossen und hätten zu interessanten Erkenntnissen verholfen. Das Wahrzeichen von Bad Ditzenbach sei  die mit am besten erforschte Burg im Land, was letztendlich nur durch die finanzielle Unterstützung des Landes, des Landkreises, der Gemeinde, des Fördervereins Hiltenburg und vieler Spender möglich war.

Mit mittelalterlichen Flötenklängen eröffnen zwei Studentinnen der Musikhochschule Köln das historische Drama um die ehemals stolze Residenz hoch über dem Filstal. Der Doktor der Künste Reinhardus Rotarius – alias Kreisarchäologe Reinhard Rademacher – führt die Gäste zurück ins Mittelalter und schafft den Rahmen für die „Wutherey“ von 1516.

Der ursprüngliche Wohnsitz der Helfensteiner, die Burg Helfenstein bei Geislingen, ging zusammen mit der Stadt und vielen Ländereien wegen Geldmangel des schwäbischen Adelsgeschlechts im Jahr 1356 an die Reichsstadt Ulm, erfuhren die Zuhörer. 1396 bezog die vermeintlich obdachlose Grafenfamilie mitsamt ihrem Tross die Hiltenburg, die bis dahin den Staufern gehörte. „Wer den Burgberg besaß, beherrschte das Land“, betont der „Doktor der Künste“.

Dies wussten offensichtlich nicht nur die Helfensteiner: Ausgrabungen zufolge war der Schlossberg bereits 1000 vor Christus besiedelt, Kelten und Alemannen folgten, und 1289 wurde die Hiltenburg erstmals urkundlich erwähnt.  Unter der Regie der Helfensteiner wurde die Burg im 15. Jahrhundert erweitert, neu gestaltet und aufgeteilt. Durch die  Erbteilung musste Platz für drei Grafenfamilien geschaffen werden. Nicht nur Ulrich von Helfenstein, auch seine Brüder Friedrich und Ludwig wohnten von nun an recht luxuriös auf dem Schlossberg.

In der Nacht auf den 10. November 1516 nahm dieses feudale Leben ein abruptes Ende. Was damals geschah, stellten „Freunde der Hiltenburg“ in zeitgenössicher Gewandung in kleinen Szenen dar: Der als jähzornig und aufbrausend beschriebene Herzog Ulrich von Württemberg  war dieser Tage mit seinem Heer auf dem Weg von Blaubeuren, wo er gerade noch die Reichsacht durch Kaiser Maximilian hatte abwenden können, nach Stuttgart. Der Überlieferung nach traf ein von der Hiltenburg abgefeuerter Ehrenschuss das Wirtshaus von Gosbach, in dem sich Ulrichs Landsknechte in dieser Nacht aufhielten.

Trotz Intervention und dem verzweifelten Versuch der eilends aus Wiesensteig herbeigeeilten 21-jährigen, hochschwangeren Gräfin Katharina von Helfenstein die Burg zu retten, nahm der Herrscher von Württemberg den Schuss aus der Kanone als willkommenen Anlass sich an den ungeliebten Helfensteinern zu rächen. Er wertete diesen „unsinnigen Wahnwitz der Burgwächter“ als Aggression und befahl die Einnahme der Burg.

Gräfin Katharina veranlasste nach einer Begegnung mit dem Herzog eine kampflose Übergabe. Ziel Herzog Ulrichs war das Öffnungsrecht der Burg für Württemberg – was Graf Ulrich von Helfenstein, Katharinas Ehemann, jedoch verweigerte. Deshalb ließ Herzog Ulrich die Hiltenburg plündern und in der Nacht auf den 10. November 1516 niederbrennen.

Fest steht, dass dieser Schuss, abgefeuert aus Übermut und um die herzöglichen Truppen zu necken, dem als Wüstling verschrienen Herzog Ulrich den entscheidenden Vorwand lieferte, um die Burg mit ihrer 1000-jährigen Geschichte ein für allemal auszulöschen. Denn den Burgherren, Graf Ulrich von Helfenstein, hatte der Herzog, der gerade mühevoll die Reichsacht hatte abschütteln können, nicht zu Unrecht als Feind ausgemacht.

Zwar beauftragten die Helfensteiner einen italischen Baumeister mit dem Wiederaufbau. Doch an den sehr hohen Kosten scheiterte der Plan. Die Hiltenburg wurde wie viele Burgen im späten Mittelalter aufgegeben und die Helfensteiner zogen in das neue Schloss nach Wiesensteig. Die einstmals stolze Hiltenburg diente nur noch als Steinbruch für andere Bauwerke.

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