Hagen von Ortloff über Faszination Eisenbahn

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  • Eisenbahn-Romantiker Hagen von Ortloff vor der Alpen-Kulisse von  St. Moritz, das Bild oben zeigt ihn vor einer englischen Dampflok und unten als Gewichtheber mit starkem Zug.  Fotos: 1/2
    Eisenbahn-Romantiker Hagen von Ortloff vor der Alpen-Kulisse von  St. Moritz, das Bild oben zeigt ihn vor einer englischen Dampflok und unten als Gewichtheber mit starkem Zug.  Fotos: Foto: 
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    Charakterkopf Charakterköpfe Hagen von Ortloff Eisenbahn-Romantik Foto: 
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Seit einem Vierteljahrhundert sind Sie mit Ihrer Eisenbahn auf Sendung. Was ist die Erfolgsformel?

HAGEN VON ORTLOFF: Es gibt bei Eisenbahn-Romantik eigentlich keine Erfolgsformel. Bei genauerem Nachdenken kommt man darauf, dass bereits der Titel die Erfolgsformel ist. Da kommt eine kleine Lok aus dem Wald ins Bild gezuckelt, mit vier schnuckeligen Wagen, über Gleise die eingewachsen sind und dazu eine Musik, die einen zum Träumen bringen kann. Wir haben den Zuschauer immer als unseren Freund betrachtet – und so wird er auch behandelt. Auch nach 25 Jahren. Das heißt, ein Thema wird informativ aber vor allen Dingen unterhaltsam aufbereitet. Man darf nicht zu tief in die Materie eindringen, oder zu speziell werden, denn die Zuschauer sollen angesprochen, nicht vergrault werden. Einfache Sätze, schöne Bilder, liebevolle, wahlweise romantische Beschreibungen.

Wer ist der typische Zuschauer von Eisenbahn-Romantik?

VON ORTLOFF: Den typischen Zuschauer kennen wir nicht. Wir wissen nur, dass der Zuschauer mit unserer Sendung auch älter geworden ist. Das durchschnittliche Alter beträgt 65 Jahre. Zwei Drittel der Zuschauer sind männlichen Geschlechtes.

Was hat die Eisenbahn mit Romantik zu tun?

VON ORTLOFF: Die Eisenbahn ist zwar ein Verkehrsträger, aber ihre Faszination, speziell in der Vergangenheit, hervorgerufen natürlich durch die Dampflokomotive, hat die Eisenbahn auch zu einem Objekt der Träume gemacht. Vor einem halben Jahrhundert wollte jeder zweite Junge in Deutschland Lokomotivführer werden. Das lag natürlich an der Faszination der Dampflokomotiven. Und die haben auch eine Menge Romantik verstreut. Früher durch die Vorstellung, dass man weit wegreisen konnte, heute dass die Dampflokomotiven ein lebendiges Stück Technikgeschichte sind.

Üblicherweise werden erfolgreiche TV-Formate weltweit kopiert. Gibt es die Romantik auch in anderen Ländern?

VON ORTLOFF: Die Sendereihe Eisenbahn-Romantik ist in ihrer Art einmalig, zumindest in Europa. Es gibt bei einem öffentlichen Fernsehkanal in Milwaukee auch eine Eisenbahnsendung, sie heißt „Tracks Ahead!“, und ist am ehesten mit unserem Format vergleichbar, aber es gibt sie noch nicht so lange wie uns und es werden auch wesentlich weniger Folgen produziert.

Die „Ankunft eines Zuges auf dem Bahnhof in La Ciotat“ der Brüder Lumière gilt als legendärer Klassiker der Filmgeschichte. Was sind Ihre fünf liebsten Kinofilme mit einer Eisenbahn?

VON ORTLOFF: Ich bin kein großer Kinogänger, deshalb glaube ich nicht, dass ich auf fünf Eisenbahn-Lieblingsfilme komme. Mein liebster ist natürlich „Der General“ mit Buster Keaton, der „Trans-Amerika-Express“ und „Mord im Orient-Express“.

Werden Sie bei Ihren Bahnreisen noch vom Personal kontrolliert?

VON ORTLOFF: Natürlich werde ich vom Schaffner kontrolliert, ich zahle meine Fahrkarten nach wie vor selber, habe natürlich eine Bahncard 50 und manchmal werde ich von den Schaffnern tatsächlich angesprochen.

Haben Sie von der Bahn einen lebenslangen Freifahrtschein?

VON ORTLOFF:  Nein, ich habe eine BahnCard 50 und zahle jede meiner Fahrten.

Was war ihr aufregendster Dreh?

VON ORTLOFF: Aufregend waren die Dreharbeiten in Peru, als wir von Cuzco zum Titicacasee gefahren sind und in der anderen Richtung nach Aquas Calientes, um dann auf den Berg zur Inka-Ruinenstadt Machu Piccu zu klettern. Mit den einfachen Booten der Urus am Ufer des Titicacasees abgeholt zu werden und dann auf die schwimmenden Inseln zu fahren, das war überaus eindrucksvoll. Wir befinden uns in 3800 Meter Höhe und in einer völlig anderen Welt. Die Fahrt in die andere Richtung nach Aquas Calientes verlief völlig normal, doch als wir aus dem Zug ausgestiegen sind, mussten wir erfahren, dass der Bus nicht hinauf zur Ruinenstadt Machu Piccu fahren konnte, weil in der Nacht zuvor ein Erdrutsch niedergegangen ist. So durfte ich tausend Höhenmeter mit dem Stativ auf dem Rücken überwinden.

Bei welchem Dreh ging alles schief?

VON ORTLOFF:  Es gab keinen Dreh, bei dem alles schiefging. Ich erinnere mich noch an Dreharbeiten in Paraguay, als ein Schwein an einer Bahnstation meine letzte saubere Hose verschmutzte und mich dann auch noch ins Bein gebissen hat. Bei den Dreharbeiten über den amerikanischen Zug „City of New Orleans“ hatten wir einen entspannten Drehtag vor uns. Wir warteten an einem sonnigen Vormittag einige Kilometer vor Jackson/Mississippi auf den Zug. Alles war gut, wir hatten einen Drehort mit einem sehenswerten Hintergrund, die Luft war mild, die Sonne stand richtig und wir waren überpünktlich, alles war also angerichtet für eine tolle Aufnahme. Nur der Zug kam nicht. Die Stimmung wurde etwas angespannter. Als die Verspätung auf anderthalb Stunden angewachsen war, fuhr ich kurzer Hand zum Bahnhof von Jackson. Dort erfuhr ich, dass der Zug längst weiter in Richtung Süden unterwegs ist. Wir wussten nicht, dass es dort eine weitere Hauptstrecke in Richtung Süden gibt, zwei Meilen von unserem Drehort entfernt. Sehr ärgerlich, weil der Zug nur einmal am Tag verkehrt und unser nächster Drehort am nächsten Tag 300 Meilen entfernt lag. Der Film ist trotzdem sehenswert geworden.

Was ist der größte Vorteil einer Bahnreise?

VON ORTLOFF: Man kann sehr entspannt reisen, muss nicht auf den Verkehr achten, kann schlafen, oder die Landschaft vorbei rollen lassen.

Welches ist der größte Nachteil einer Bahnreise?

 VON ORTLOFF: Wenn man mit Gepäck mehrmals umsteigen muss. Man kann sich die Mitfahrer nicht aussuchen. Wer gerne Eisenbahn fährt, nimmt diese Unannehmlichkeiten allerdings in Kauf.

Sie waren auf den Demos gegen Stuttgart 21 auf dem Podium. Wie beurteilen Sie den Stand der Dinge?

VON ORTLOFF: Stuttgart 21 ist ein Projekt, welches die Politik auf den Weg gebracht hat, nicht die Bahn. Ich würde mir wünschen, dass die entscheidenden Befürworter, wie Bundeskanzlerin Angela Merkel, unterdessen eingesehen haben, dass der Bau ein Irrtum ist und noch rechtzeitig die Reißleine ziehen.

Warum ein Irrtum?

VON ORTLOFF: Sämtliche Warnungen der Gegner sind eingetroffen, die Kosten explodieren und der Zeitplan ist völlig aus dem Ruder gelaufen. Dabei sind bisher nur Bruchteile der knapp 60 Kilometer Tunnel gebaut worden. Man hat die Bürger bei der „Volksabstimmung“ mit falschen Informationen gefüttert, sonst hätte es niemals eine mehrheitliche Zustimmung gegeben. Seit Jahren lautet doch der Tenor: Es wurde schon so viel Geld ausgeben, jetzt kann man nicht mehr zurück. Diesen Satz wird man noch lange hören. Aber noch ist es nicht zu spät, das Projekt zu stoppen. Auch wenn schon viel Geld ausgegeben wurde, lieber jetzt ein Ende, wo die Kosten noch beherrschbar sind, als später, wenn Stuttgart 21 für die Stadt Stuttgart und  für Baden-Württemberg ein Milliardendesaster geworden ist.

Das Thema Eisenbahn birgt auch Tabus: „Räder müssen rollen für den Sieg“ oder Suizide. Können Sie mit diesem unterhaltenden Format auch solche Themen aufgreifen?

VON ORTLOFF: Wir wollen mit unseren Filmen unsere Zuschauer auf unterhaltsamer Art und Weise informieren und sie mit schönen Filmen erfreuen. In unseren Sendungen gibt es für Krieg oder Selbstmord eigentlich keinen Platz. Diese Themen sollen in anderen Sendungen behandelt werden. Bei uns steht die Eisenbahn und ihre Romantik im Mittelpunkt.

Was ist Ihr bester Rat für Bahnreisende?

VON ORTLOFF: Genießen Sie die Fahrt mit der Eisenbahn, schauen Sie aus dem Fenster, entspannen Sie sich, lesen Sie vielleicht ein Buch, gehen Sie in den Bistro- oder Speisewagen und trinken einen Kaffee oder essen Sie eine Kleinigkeit. Die Fahrt mit der Eisenbahn ist Entspannung pur. Und ärgern Sie sich nicht, wenn der Zug mal überfüllt ist oder unpünktlich ist. Sie können ohnedies nichts daran ändern.

In den 70ern war die Statusfrage wie bei Pelikan oder Geha,  Märklin oder Fleischmann. Was sagen Sie?

 VON ORTLOFF Diese Frage hat sich mir nie gestellt, denn ich war froh, dass ich überhaupt eine     Modelleisenbahn bekommen habe. Dass es eine von der Firma Märklin war, lag wohl daran, dass meine Familie näher an Göppingen wohnte als an Nürnberg.

Setzen Sie bei Ihrer Modellbahn auf Hightech oder auf den guten alten Trafo?

VON ORTLOFF: Ich war immer ein Analog-Spieler und ich werde dies auch bleiben. Hightech ist etwas für meinen Enkel.

Hand aufs Eisenbahner-Herz: würden Sie lieber erster Klasse mit dem Hokkaido-Express durch Japan fahren, den Glacier-Express besteigen oder doch zweiter Klasse mit der Sauschwänzle-Bahn fahren?

VON ORTLOFF: Die Frage würde ich wie folgt beantworten: Ich halte es mit Kurt Tucholsky, der auch lieber einen Sitzplatz in der dritten Klasse hatte, als einen Stehplatz in der ersten. Was das Eisenbahnfahren angeht, so gibt es nur ein „sowohl als auch“. Ich bin mit dem Hokkaido-Express gefahren, mit dem Glacier-Express und mit der Sauschwänzle-Bahn und kann nur sagen: Jede dieser Bahnen ist unbedingt eine Reise wert.

Im Juli führen Sie die öffentlich-rechtlichen Weichen auf das verdiente Alters-Abstellgleis, Sie gehen in Pension. Wie werden Ihre weiteren Aktivitäten aussehen aus dem Rentner-Lokschuppen?

VON ORTLOFF: Die Wortwahl gefällt mir. Vor dem Alters-Abstellgleis gibt es bei mir noch die eine oder andere Weiche, so dass ich dem „Abgestelltwerden“ noch ein wenig entfliehen kann. Ich werde weiterhin der Eisenbahn-Romantiker bleiben, werde mit einem Verlag Eisenbahnfilme produzieren und moderieren, werde Artikel schreiben und mit meiner Spur-S-Anlage auf diversen Messen vertreten sein. Ich werde ganz sicher der Bahn im Großen wie im Kleinen treu bleiben. Der Rentner-Lokschuppen muss leider noch ein wenig auf meine Ankunft warten.

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Kommentare

27.07.2016 00:36 Uhr

S21 - vom Helikopter aus entschieden

Ganz am Anfang soll ein Flug mit dem Hubschrauber über das Bahngelände gestanden haben, der auch den zunächst zweifelnden OB Manfred Rommel überzeugte. Dann – am 18. April 1994, also vor 22 Jahren – folgte eine Pressekonferenz, in der erstmals offiziell die Rede war von Stuttgart 21 mit der Tieferlegung des Bahnhofs und dem Verkauf der oberirdischen Gleisflächen.

Dafür sei kein Superlativ zu groß, sagte Ministerpräsident Erwin Teufel über das Projekt, was sich in einem anderen Sinn bewahrheiten sollte. S21 wurde zu einem der umstrittensten Großprojekte mit damals wohl nicht für möglich gehaltenen politischen Auswirkungen. Von den großen Chancen schwärmen die Befürworter bis heute, enorme Risiken befürchteten Kritiker schon damals. (...)

http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.20-jahre-stuttgart-21-nur-die-kritiker-erinnern-an-den-jahrestag.110a0387-f6fc-44ca-9f0e-ef6b0a411b09.html

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27.07.2016 00:12 Uhr

Vorbei mit der Eisenbahn-Romantik in Stuttgart

Warum?

"Die Idee dieses unterirdischen Durchgangsbahnhofes kam nie vonseiten der Bahn", so Hagen von Ortloff.

Sondern?

"Einige Politiker sahen einfach die Größe des Bahngeländes in Stuttgart und dachten an den Platz für Immobilien. Das Projekt ist aber aus mehreren Gründen problematisch: Es bedingt den Bau eines Tunnels von der Länge des eben eröffneten Gotthard-Basistunnels; unter Wohngebieten. Die Kosten dafür wurden ursprünglich auf etwa viereinhalb Milliarden Euro geschätzt. Mittlerweile ist man bei sechseinhalb Milliarden. Ich bin überzeugt, dass dann auch bei zehn Milliarden nicht Halt sein wird."

Dafür wird der neue Bahnhof größer.

Der Tiefbahnhof wird weniger leistungsfähig sein, als der jetzige Kopfbahnhof. Wäre es wirklich um die Kapazität gegangen, hätte man einfach nach Zürich schauen müssen: Man belässt den Kopfbahnhof und baut einen zusätzlichen Durchgangsbahnhof. Ich hoffe nun einfach, dass sich Bundeskanzlerin Merkel nach der Energiewende auf Stuttgart konzentrieren kann – für eine «Bahnhofwende»."

http://www.tagesanzeiger.ch/kultur/fernsehen/Die-Berninalinie-ist-meine-Lieblingsstrecke/story/27709662

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