Ergreifende Duette im Remstäler Exil

Der Regen war Schuld, dass die Freilichtspiele Adelberg in den Nachbarkreis zogen. Doch ein begnadeter Thomas Quasthoff, Max Mutzke und die Lumberjacker ließen die lange Anfahrt schnell vergessen.

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Höhepunkte eines ausdrucksstarken Konzerts: die Duette von Thomas Quasthoff (l.) und Max Mutzke, einfühlsam begleitet von der Lumberjack Bigband, vor 750 Besuchern in der Barbara-Künkelin-Halle in Schorndorf.  Foto: 

Das sind ja gerade mal sechseinhalb Schorndorfer im Saal!“ Alexander Eissele ist verblüfft, und das kommt beim Leiter der Lumberjack Bigband eher selten vor. In einer Blitzumfrage hatte Eissele die Herkunft der 750 Besucher erfragt, und siehe da: Die allermeisten hatten sich vom Raum Göppingen aus auf den langen Weg nach Schorndorf gemacht, um zwei Gesangsstars in einem Konzert zu erleben. Dort fanden sie in der Barbara-Künkelin-Halle Schutz vor der herannahenden Gewitterfront. (Die Stadthalle Göppingen stand für die Freilichtspiele Adelberg wegen einer Sanierung nicht zur Verfügung.)

Der Laune im Saal tat die Verlegung keinen Abbruch. Im Gegenteil: Nach einem fulminanten instrumentalen Aufwärmer (Manhattan Skyline) versuchte Eissele, der rührige Entertainer, die Stimmung vom ersten Song an hoch zu halten. Das gelang im ersten Set auch – dank eines Max Mutzke, für den Warmup ein Fremdwort ist. Aus dem schüchternen Jungen mit der souligen Stimme aus Grand-Prix-Tagen ist längst eine richtige Rampensau geworden: Bemerkenswert, mit wie viel Power er ins Publikum shoutet, flüstert, säuselt, wie er mit seiner Stimme spielt, mit und ohne Mikro, Töne rekordverdächtig in die Länge zieht und seine positive Energie auf ein Publikum überträgt, das es ihm mit viel Applaus dankt. Neben eigenen Titeln wie „Welt hinter Glas“ oder „Telefon“, von Daniel Rikker bzw. Jonas Gawehn am Saxophon veredelt, singt er unter anderem beachtliche Versionen von „Marie“ und „Me an Mrs. Jones“.

Dann kommt der Star des Abends: Thomas Quasthoff hat als Sänger 20 Mal die Carnegie Hall gefüllt und für seine Aufnahmen drei der begehrten Grammys erhalten. Auch nach seinem Wechsel von der Oper ins Popularfach profitiert der nur 1,34 Meter große Sänger von seiner superben Technik: Er kann Songs beliebig modellieren, variieren oder auch mal Sänger wie Louis Armstrong imitieren. Er kann Scat, Rock und Pop, singt mal geschmeidig wie die smarten Sänger der Swing-Ära, dann wieder dreckig wie die großen schwarzen Blueser. – Große Versprechen, die der Berliner in „Imagine“ erst noch zögerlich, dann in „Makin whoopee“ eindrucksvoll und in den Duetten mit Mutzke grandios einlöst. Letztere sind Juwelen im Programm, allen voran der Blues „Mr. Pianoman“ und das schöne „My funny valentine“, intime, atmosphärisch-dichte Preziosen.

Die Band mit ihrem von Achim Bosch bestens präparierten, fetten Sound, die sich bei Balladen einfühlsam zurücknimmt, macht es den beiden aber auch leicht zu glänzen. Unter Eisseles Leitung haben die Lumberjacker in den vergangenen Jahren nochmal einen Sprung nach vorne gemacht, wobei es immer wieder gelingt, junge Talente behutsam einzubauen. Was nicht nur für die erstklassigen Bläsersätze gilt, sondern auch für die Rhythmus-Abteilung, für deren „Chef“, Drummer Martin Pittner, Max Mutzke gar ein Extralob aussprach.

Dabei haben sich Eissele und Mutzke viel, manchmal womöglich zu viel vorgenommen: Für ihren Gala-Abend wollen sie die große Show, mit Star, Mitklatsch-Nummer, Wiedererkennungseffekt und Tiefe, ein Wechselkonzept, das dank kluger Song-Zusammenstellung im ersten Set gut funktioniert. Doch nach der Pause schwächelt das Programm etwas, die Vorträge sind nicht mehr ganz so funkelnd, die Besucher nicht mehr so präsent. Vielleicht ist es pure Erschöpfung, denn das fast dreistündige Programm kostet nicht nur die Musiker Kraft. So gibt Quasthoff noch ein schönes, melancholisch-schnörkelloses „Send in the clown“ als Zugabe, dann verabschiedet er sich vom Publikum, das kurz vor Mitternacht den langen Heimweg antritt.

Voice Kid: Als coole Socke und enorm talentiert präsentiert sich der 14-jährige Salacher Ruben Cuesta Escamilla bei seinem Auftritt neben den Stars Max Mutzke und Thomas Quasthoff. Auf der Bühne der Barbara-Künkelin-Halle zeigte er, warum er es im März diesen Jahr bei Sat 1 bis ins Halbfinale der Nachwuchs-Casting-Show „The Voice Kids“ geschafft hatte.

Daumendrücken: Für die fünfte Staffel von „The Voice Kids“ hatte er lange mit seiner Gesangslehrerin geprobt. Die wiederum ist niemand anderes als Carina Pittner, die in Schorndorf neben Linda Kyei gewohnt souverän die Backing Vocals meisterte – und dazwischen beide Daumen für ihren Schützling drückte. Mit Erfolg: Sein Auftritt mit der Bruno-Mars-Nummer „Treasure“ und „Love never felt so good“ von Michael Jackson war so cool, seine Stimme so klar, dass das Publikum mit Standing Ovations reagierte.  maz

Alte Witze: Dass Thomas Quasthoff und Max Mutzke manchmal auf political corectness pfeifen, wurde in Schorndorf zwischen den Songs immer wieder deutlich – ebenso wie die innige Freundschaft der beiden, die einige Frotzeleien aushält. Als Mutzke auf Quasthoffs Größe anspielt, antwortet der contergangeschädigte Star mit einem liebevollen „Arschloch!“. Und Mutzkes Erklärung ans Publikum, „Manche Witze bei uns sind unter der Gürtellinie, was bei Thomas nicht anders geht“, kommentiert dieser mit der Bemerkung „Alte Witze, schlecht erzählt“.   maz

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