Perfekter Kreisler-Abend

Eislingen.  Lieder von Georg Kreisler sang Chansonnier Tim Fischer in der Stadthalle Eislingen. Die richtige Balance zwischen Nachahmung und Eigenständigkeit bescherte dem Publikum Großstadtniveau in der Kleinstadt.

Das gesungene "Happy End" sollte eigentlich der sinnige Schlusspunkt hinter das zweistündige Programm "Gnadenlose Abrechnung" sein. Doch Tim Fischer spürte, dass er dem begeisterten Publikum in der Eislinger Stadthalle eine weitere - die dritte - Zugabe schuldig war. Kurzes Kopfnicken in Richtung Pianist, und die Zuhörer konnten noch ein Lied hören.

Das hatten sie auch verdient für ihre Rolle bei der "Gnadenlosen Abrechnung". Sie waren hoch konzentriert und erwiesen sich als kenntnisreiche Kreisler-Spezialisten - und trugen somit wesentlich zu einem schlicht und einfach perfekten Abend bei. Unterm Strich ergab das Großstadtniveau in der Kleinstadt.

Wenn man sich an die Lieder Kreislers macht, gibt es nur zwei Möglichkeiten: Man kanns oder man kanns nicht. Schließlich begibt man sich auf den schmalen Grat zwischen Sinn und Unsinn, den zwischen Konservatismus und Unangepasstheit und den zwischen Wiener Schmäh und Boshaftigkeit. Man wandelt auf den gefährlichen Pfaden des gnadenlosen Reimens und des vertrackten Wortspiels und betritt nicht zuletzt Gebiete wie Politik, Liebe und somit die des alltäglichen Wahnsinns, kurz und bündig auch Satire genannt. Schnell ist man da abgestürzt.

Doch Tim Fischer kanns nunmal, und nicht ohne Grund hat der mittlerweile 88-jährige Kreisler die "Gnadenlose Abrechnung" eigens für ihn zusammengestellt. Fischer kann nicht nur singen und großartig sprechen, sondern lässt sich vom Vorbild auch nicht im Geringsten bedrücken. Vielmehr versteht er es, die notwendige Balance zwischen Nachahmung und Eigenständigkeit zu halten. Gestik und Mimik sind eher verhalten - die Sprachkraft und Musikalität Kreislers kommen da umso besser zur Wirkung, ja manchmal sogar zum Strahlen.

Bei dieser Einstellung reicht ein Minimum an Bühnenausstattung: Flügel und Mikro, Pianist Rüdiger Mühleisen im schwarzen Frack, Fischer im grauen Anzug. Ein Verdrehen der Augen, ein Zucken der Gesichtsmuskeln, ein Heben der Hand kommentieren oder konterkarieren Texte und Melodien. Großartig schmettert Fischer das "Dich", auf das man leider überall trifft, ins Publikum, das schon zur Halbzeit "Bravo" rief. Er bewies seine Wandlungsfähigkeit, als er kurz darauf lustig-wehmütig vom Juden sang, der sich nur in seinem Schtetl wohlfühlt. Wunderbar dissonant klangs bei der Betrachtung des vereinten Europas, und lakonisch-knapp, als es um das Gar-nix ging, das sich zum Schluss gleichsam selber aushauchte.

Dass das "Tauben vergiften im Park" zu "Spieln wir Unfall im Kernkraftreaktor" geworden ist, hätte nicht sein müssen. Aber so etwas fällt bei einem so guten Konzert eigentlich nicht ins Gewicht.


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Autor: URSULA BÖTTCHER | 12.03.2010

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