Mit rauer Stimme zarte Balladen

Geislingen.  John Dee Graham stellte vor kleinem Publikum in der Geislinger Rätschenmühle seine neue CD vor. Sein Markenzeichen ist ein Widerspruch: Mit rauer Whiskeystimme sang er zarte Balladen.

"Laut ist gleich gut", diese Parole scheint der texanische Rockmusiker John Dee Graham, kurz JDG, für sich in Anspruch zu nehmen. Die Lautstärke am Freitag im Geislinger Schlachthof war eine Attacke auf das Hörorgan, doch seine Musik traf zielsicher direkt ins Rhythmusgefühl und punktgenau ins Herz.

Lässig und cool stand der Texaner auf der Bühne, sein zerknautschtes Gesicht zeugte von Schicksalsschlägen, die er offen zur Schau trug. Hier im Song verarbeitet, dort in seinen Erzählungen, erfuhren die knapp 60 Zuhörer von seinem schwer kranken Sohn, vom eigenen Autounfall, der letztlich Titelgeber war für die neue CD "Its not so bad as it looks". Das nämlich habe er den Sanitätern zugerufen, als die ihn aus dem Unfallfahrzeug holten, zwei Jahre ist das jetzt her. Der redselige JDG enthielt seinem Publikum denn auch deren Antwort nicht vor: "Es sieht aber ziemlich übel aus", erzählte er im texanischen Slang und fügte an: "Da dachte ich mir, das ist doch ein guter CD-Titel."

So zeigt er seinen Humor und zudem seine Überlebenskraft, die in jedem Song spürbar ist. "Mein Job ist es, euch die Wahrheit zu sagen", tönte er von der Bühne. Graham scheint stets auf der Suche nach dem Überleben zu sein, nach wahrer Liebe und beständigen Beziehungen. Dies drückt er in weichen, fast lyrischen Balladen aus, wie "Gilead", das mit einem filigranen Slide-Solo daher kommt. Das zerknautschte Aussehen und seine typische heißere Whiskeystimme stehen im harten Kontrast zu den Songs. Da setzt er sich auch mal ohne seine Band auf den Bühnenrand und stimmt verinnerlicht zart, als käme der Song von weit her, eine Hommage an seinen vor einem Jahr verstorbenen ehemaligen "Resentment"-Mitstreiter, den Gitarristen Stephen Bruton, an: "I will be happy again". Verletzlich der Klang seiner Stimme und so voller Sehnsucht.

Kaum verklungen, saust er über die Bühne. Unter Nutzung sämtlicher technischer Errungenschaften ergießen sich ekstatisch jaulend die Klangkaskaden auf seiner E-Gitarre. Wilder Rock. "Joy, Sex and Pain", fordert er die Zuhörer auf, "das muss in eurem Schrei beinhaltet sein". Und alle schreien sich "Freude, Sex und Schmerz" aus der Seele.

Das macht ihn so sympathisch: JDG macht keinen Hehl um seine eigenen Befindlichkeiten, nein, er teilt sie mit seinem Publikum. Stark ist Grahams Bühnenpräsenz, eine großartige Ergänzung und teamorientiert ist seine Band "The Fighting Cocks", Bassist Eric Voelks und Drummer George Duron. Die Hälfte seines einstündigen Konzerts amüsierte JDG die Gäste mit seinen Erzählungen, sonst erlebten sie den Musiker als wahren Rock n Roller, der den Roots Rock genau so mitreißend zu bringen versteht, wie den Americana oder Midtempo-Rock.


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Autor: SABINE GRASER-KÜHNLE | 08.02.2010

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