"Die Revolution hat noch ihre Kraft"

Geislingen.  Über den Islam in der modernen Welt sprach der Islambeauftragte der Württembergischen Landeskirche, Heinrich Georg Rothe. Der Theologe ging unter anderem auf den "Arabischen Frühling" in Ägypten ein.

Die Bilder von den Demonstrationen auf dem Tahir-Platz in Kairo habe auch das Bild von Islam in Deutschland beeinflusst, sagte Rothe am Dienstagabend im Haus der Begegnung in Geislingen. "Vorher konnten sich viele Menschen hier nicht vorstellen, dass Muslime so entschieden Freiheit und Demokratie einfordern." Muslime und koptische Christen hätten auf dem Tahir-Platz friedlich und diszipliniert Seite an Seite demonstriert und sich gegenseitig gegen Anfeindungen in Schutz genommen.

Leider sei es nicht bei diesen friedlichen Bildern geblieben. Zum einen hätten die Kräfte des alten Regimes bestehende Ressentiments instrumentalisiert und Christen und Muslime bewusst gegeneinander ausgespielt; zum anderen gäbe es religiöse Gruppen wie die Salafisten, denen nichts an einem toleranten Zusammenleben gelegen sei. Der große Einfluss des ägyptischen Militärs spiele nach wie vor ein großes Hindernis auf dem Weg zu einer Demokratisierung des Landes, sagte der Islambeauftragte bei seinem Vortrag in Geislingen. Immer noch liege die Macht zu großen Teilen beim Militär, das seine eigenen politischen und ökonomischen Interessen verfolge und versuche, sich weiter der Kontrolle des Parlaments zu entziehen und daher sicherlich kein Bündnispartner auf dem Weg zu einer vollen Demokratisierung sei.

Die Muslimbrüderschaft, die nach den Wahlen die stärkste Kraft im Parlament bildet, habe das Militär nicht für eine Kollaboration gewinnen können, obwohl dieses durchaus Versuche angestrengt habe. "Das Volk lässt sich Politiker, die sich mit dem Militär arrangieren, nicht bieten", ist sich Rothe darüber hinaus sicher. Die Frage, welchen politischen Weg die Muslimbrüderschaft in Zukunft verfolgen wird, konnte Rothe nicht beantworten. "Die Gruppe ist in sich einfach zu heterogen. Es ist noch nicht klar, was sie repräsentieren", erklärte er. "Man kann noch nicht vorhersagen, wer sich durchsetzen wird." Auch sei der Wahlprozess in Ägypten noch nicht abgeschlossen, da die Wahl eines Präsidenten, der mit einer Zweidrittelmehrheit vom Parlament vorgeschlagen wird und sich dann dem Votum der Wähler stellen muss, noch aussteht. "Aber die Revolution hat noch ihre Kraft", betonte Rothe.

Im Hinblick auf das Thema "Der Islam in der modernen Welt" betonte Rothe allgemein, dass Islam und Moderne nicht zueinander im Gegensatz stünden. "Die Moderne gab es im 19. Jahrhundert auch in der islamischen Welt", führte er aus. Diese Zeit sei dort sehr intensiv miterlebt worden und seither habe der Islam auch einen inhaltlichen Anteil an der Moderne. Auch eine Trennung von religiösem und staatlichem Recht sei im Islam angelegt und denkbar, was nicht zuletzt in der Türkei beobachtet werden könne. Darüber hinaus gäbe es in der islamischen Geistesgeschichte in diesem Bereich gute Ansatzpunkte.


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Autor: STEFANIE SCHMIDT | 03.02.2012

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