Bärenstarker Reggae

Geislingen.  Geislingens Musikfans durften sich am Samstagabend an modernem deutschsprachigem Reggae satthören. Nattyflo und seine Komplizen feierten im Schlachthof ein bärenstarkes Konzert ab.

In einer Zeit, in der die Sehnsucht, sich von der Masse abzuheben, zum Massenphänomen geworden ist, sucht man jene, die wirklich anders sind, oft vergeblich. Gerade in der Musikwelt beklebt sich jeder Hansguckindieluft mit Etiketten wie "alternativ", die sich so bis zur Bedeutungslosigkeit abnutzen. Die aktuelle Reggaeszene in Deutschland bildet da eine wohltuende Ausnahme: Sie ist so etwas wie eine junge Bohème, in der das wahrhaft Innovative gedeiht. Solch eine Brutstätte ist auch das Hürther Label "rootdown records", das am Samstagabend eine bemerkenswerte Delegation zu "Slaughterhouse goes. . ." nach Geislingen entsandt hat. Die Konzertreihe von Rätsche und Stadtjugendring präsentierte damit bereits zum dritten Mal Reggae - und die Fans folgten dem Ruf wieder zu Hunderten.

Es sollte sie von der ersten Minute an nicht reuen: Auf die Bühne sprang Slonesta, ein Mann mit Zipfelmütze, Fünftagebart und Bock auf Sommer. Getragen von den Beats des Buschwerk Bouncesystem, machte er sich daran, die kalte Jahreszeit endgültig auszutreiben: Sein "Sommer in der Stadt" ist genau das Lied, um die allerletzten Schneereste hinwegzuputzen - und das Publikum auf Temperatur zu bringen.

Das tat auch Not, denn nun trat Rojah Phad Full an, um die Hüftgelenke seiner Hörerschaft anständig wackeln zu lassen. Prächtige Dancehall-Rhythmen veredelte der Bayreuther mit Aber-Hallo-Versen und dem Charme des Aufmüpfigen. Vom Einheitsbrei der Dudelradios gänzlich unangeweht, bringt er kluge Statements gegen Magersucht und Starkult, schleudert bissige Zeilen in Richtung Polizei und Politik. Reggae mit kecker Protestsong-Attitüde, das kommt an im Schlachthof.

Dann hüpft einer hinterm Bühnenvorhang hervor, der so gar nicht ins Bild des bisherigen Abends passen will: Typ BWL-Student mit schniekem Stoffjäckchen, lila Schal und zerzaustem Kurzhaarschnitt. Dieser adrette, vor Coolness überschäumende und Freude versprühende Mister Nice Guy ist kein Geringerer als Nattyflo. Von Fans und Fachwelt längst in den Kreis der Hohepriester der deutschen Rootsmusik erhoben, huldigt er mit flammender Stimme den Idealen des Reggae: immer positiv bleiben, sein eigenes Ding durchziehen, kompromisslos für die Freiheit einstehen. Das alles tunkt er in ein formidables Gemenge aus Ska, Dancehall und Rootsrock.

Nattyflos Outfit mag ein ungewohnter Anblick sein für alle Fans, die bislang in dem Glauben lebten, sein Markenzeichen, das Kopftuch, sei fest mit der Schädeldecke verwachsen. Musikalisch aber hat er sich keinen Deut gewandelt: Nattyflo ist ein Silbenschleuderer, spontan und spektakulär, ein Zeitgeistpoet, Stärke neun auf der nach oben offenen Dichterskala, mindestens.

Womit lässt sich das noch übertrumpfen? Antwort: mit vereinten Kräften. Slonesta und Rojah Phad Full müssen zusammen mit Nattyflo noch mal ran, Selecta Don Parrang vom Buschwerk Bouncesystem schiebt die Regler auf Anschlag. Jetzt geht es nur noch um den Sound: Zu "Wipe out", der Uralt-Surfmelodie von 1963, rauschen die Reime wie ein Donnerwetter durch die Boxen. Drei Bombenstimmen, eine Bombenstimmung - Augenblicke, verweilt doch! Die Zuhörer schwenken die Arme, als müssten sie den Beat nach vorne peitschen. Geislingen treibt in einer Sturmflut aus Reggae und Rabatz. "Ihr seid Nicelingen!", jauchzt Rojah Phad Full, das Publikum brüllt im Taumel "Ja Mann!" und immer wieder "Ja Mann!". Zweifelt hier noch einer, dass "Slaughterhouse goes Reggae" schon bald in die vierte Runde gehen wird?


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Autor: PHILIP PALLMANN | 22.03.2010

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