Zweites Asyl soll nicht vollgestopft werden

Die zusätzliche Gemeinschaftsunterkunft für Asylbewerber in Kuchen soll nicht 60, sondern weniger als 40 Plätze bieten, sagt Landrat Edgar Wolff.

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Die zusätzliche Unterkunft für Asylbewerber ist in Kuchen ein heikles Thema. Landrat Edgar Wolff spricht in der Bahnhofturnhalle vor 280 Zuhörern.    Foto: 

Dem Göppinger AfD-Vorsitzenden Volker Münz wies Bürgermeister Bernd Rößner die Tür, noch bevor dieser das Wort ergreifen konnte. Das Thema der Informationsveranstaltung von Gemeinde und Landkreis, zu der am Mittwochabend 280 Menschen in die Kuchener Bahnhofturnhalle kamen, war heikel: Es ging um eine weitere Gemeinschaftsunterkunft für Asylbewerber, die der Landkreis im früheren Filba-Baumarkt an der B 10 einrichten will. Dazu durften sich neben Einwohnern, Grundstücks- und Hauseigentümern nur ausgewählte auswärtige Gäste äußern; nicht aber „über Internet aufgerufene Auswärtige, die das Thema vielleicht nur aufheizen und vielleicht auch für eigene Zwecke missbrauchen wollen“, wie Rößner sagte.

Statt um Politik sollte es nun vor allem um Menschen gehen – um die Asylbewerber, die dem Landkreis und der Gemeinde zugeteilt werden, aber auch um die Kuchens, die auf das neue Wohnheim mit Unsicherheit und Besorgnis reagierten. Rößner zitierte Vermutungen, Gerüchte und Unterstellungen, die in Kuchen die Runde machen: Der Landkreis habe sein Vorhaben nicht wirklich bekannt machen wollen und unterstütze nun privatwirtschaftliche Interessen, hieß es; Flüchtlingsheime seien in Gewerbegebieten ohnehin nicht zulässig; die Unterkunft werde nicht mit Familien, sondern mit ständig wechselnden alleinstehenden Männern belegt. Und wenn erst einmal 60 Asylbewerber da seien, dann kämen bald noch viel mehr.

Rößner, Landrat Edgar Wolff und sein Stellvertreter Jochen Heinz erklärten im Lauf des Abends immer wieder, dass sie solche Sorgen ernst nähmen. Dass die Anhörung der Nachbarn auf die Ferienzeit fiel, liege allerdings daran, dass der Eigentümer das Baugesuch erst am 26. Juli unterschrieben habe. Wenn der Landkreis einen Haus von einem privaten Eigentümer miete, lägen Mietdauer und Höhe der Miete sicher an der unteren Grenze des Ortsüblichen und die Kosten des Umbaus trage in jedem Fall der Vermieter; Flüchtlingsheime dürften sehr wohl in einem Gewerbegebiet eingerichtet werden, dafür gebe es Beispiele in anderen Gemeinden; bei der Belegung wolle man auf eine Mischung von Familien und Alleinstehenden achten und 80 oder noch mehr Menschen würden in dem Haus sicher nie wohnen, weil sonst menschenunwürdige Zustände drohten.

Zugleich ließen Gemeinde und Landkreis keinen Zweifel daran, dass an einer zweiten Gemeinschaftsunterkunft in Kuchen kein Weg vorbei führt. 73 Asylbewerber müsse Kuchen bis Ende des Jahres laut Plan aufnehmen, tatsächlich seien im Heim in der Hafengasse derzeit nur 23 der 30 Plätze belegt. Allerdings wolle der Landkreis im früheren Filba-Baumarkt auf einer Fläche von 540 Quadratmetern nun nicht 60 oder gar 70, sondern deutlich weniger als 40 Asylbewerber unterbringen. Ganz auf das Haus verzichten könne der Kreis aber nicht. „Ich habe keine Lust, noch mal eine Berufsschul-Turnhalle dafür herzurichten“, sagte Landrats-Stellvertreter Jochen Heinz.

Vertreter der „Initiative Hauptstraße 171“, die bis Mittwoch fast 1000 Unterschriften gegen eine zweite Gemeinschaftsunterkunft gesammelt hatten, verwiesen auf zurückgehende Flüchtlingszahlen. Der Landrat bestätigte, dass dem Landkreis pro Woche derzeit nur 20 bis 40 Asylbewerber zugewiesen werden; von 2750 Plätzen seien derzeit nur 2600 belegt. Wolle man das Aufnahme-Soll bis Jahresende erfüllen, seien aber 3300 Plätze nötig. Im Übrigen könne niemand die politische Entwicklung vorhersagen. Vor einem Jahr habe der Landkreis pro Woche 160 Flüchtlinge aufnehmen müssen; das Landratsamt ließ damals den Sitzungssaal für 50 Personen herrichten und auf seinem Parkplatz ein Zelt für 80 Menschen aufbauen.

Joachim Abel stellte die Arbeit des Kuchener Arbeitskreises Asyl  vor, der Asylbewerbern gemeinnützige Arbeit in Form von Ein-Euro-Jobs vermittelt und für wenig Geld gebrauchte Kleidung, Möbel, Spielzeug und Fahrräder verkauft. Außerdem geben die ehrenamtlichen Helfer Sprachkurse und Hausaufgabenhilfe. Dabei würden sie oft mit erschütternden Schicksalen konfrontiert.

Daran schienen allerdings die Anwohner nicht zu denken, die zum Schluss ihren Befürchtungen drastisch Ausdruck verliehen. Der stellvertretende Leiter des Polizeireviers Geislingen, Roland Wesa,  hatte zwar ausgeführt, dass es nicht einmal in der Geislinger Wölkhalle besondere Probleme mit den Flüchtlingen gegeben habe. Streitigkeiten hätten sie untereinander ausgetragen, in der Öffentlichkeit seien sie allenfalls wegen Ladendiebstahl oder Schwarzfahren aufgefallen. Die Polizei habe mit der Heimleitung besprochen, wie Konflikten vorzubeugen wäre. Nachbarinnen des Filba-Marktes sagten, sie hätten trotzdem Angst, nachts noch hinauszugehen, wenn plötzlich fünf oder zehn Asylbewerbern des Wegs kommen. Genauso wenig wären künftig Schulkinder an der Bushaltestelle sicher.

Die Gemeinde beruft nun einen runden Tisch ein, bei dem sie mit den Betroffenen über das weitere Vorgehen sprechen will. Das Landratsamt lässt das Baurechtsverfahren vorerst ruhen, in den Gemeinderat kommt das Baugesuch statt am 19. September erst am 17. Oktober.

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