Biker demonstrieren für Ave Maria

ie Veranstalter der Motorrad-Wallfahrt demonstrieren für Ave Maria und „Biker-Vater“ Flavian: Zusammen mit 70 Unterstützern tragen sie ein selbst gestaltetes Kreuz zur Kapelle Alt-Ave.

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Die Strecke zur Kapelle Alt-Ave ist kurz, aber steil: Acht Männer tragen das Kruzifix mit vereinten Kräften den Berg hoch.  Auch Pater Flavian schreckt vor der Anstrengung nicht zurück.  Foto: 

Christopher Auth aus Grui­bingen ist einer von mehr als 70 Menschen, die am Dienstag nach Ave Maria gekommen sind, um ihre Solidarität mit dem Wallfahrtsort und den Kapuziner-Patern zu bekunden. Der 29-Jährige hält seine kleine Nichte auf dem Arm, als Pater Flavian  ihn begrüßt. „Oh, eine kleine Nachwuchs-Bikerin“, vermutet der Kapuziner.  „Die haben Sie getauft“, erklärt der stolze Onkel. Der Geistliche lächelt und segnet  das Mädchen, bevor er zum nächsten Besucher weitergeht. Die Atmosphäre vor Ave Maria ist vertraut, die Stimmung am sonnigen Frühlingsabend gelöst.

Aber trotzdem schwingen Trauer und Unverständnis mit: Die Nachricht, dass sich der Kapuziner-Orden im nächsten Jahr aus dem Kloster zurückziehen wird, hat wohl noch keiner der Anwesenden richtig verdaut. Sie versammeln sich um Adam Schneider und das von ihm in Gedenken an die verstorbenen Motorradfahrer gestaltete  Eichenkreuz, das einen neuen Platz bei der Kapelle Alt-Ave finden soll. Was ursprünglich als eher private Aktion geplant war, ist zu einer kleinen Demonstration geworden – für Ave Maria und den beliebten „Biker-Vater“ Flavian.

„Wir wollen uns dafür einsetzen, dass Pater Flavian hier im Alter seine Ruhe finden wird“, betont Schneider in seiner kleinen Ansprache.  „Muss!“, ruft eine Frau energisch dazwischen. Dass das Kloster aufgelöst wird, könne man wohl nicht verhindern, räumt Schneider ein. „Aber Pater Flavian soll hier oben bleiben. Ave, das ist  Ave mit den Kapuzinern.“

Acht Helfer heben das 3,40 Meter große Eichenkreuz an, sie führen die Prozession hinauf nach Alt Ave an. Die Strecke zur Kapelle ist nur etwa 250 Meter lang, aber steil und teilweise uneben. Schon lange war er dort nicht mehr oben, sagt Pater Flavian. Aber heute macht sich der 82-Jährige, auf seinen Stock und einen jungen  Assistenten gestützt, mit auf den beschwerlichen Weg. „Wo ich Menschen eine Freude machen kann, bin ich dabei“, beteuert der Pater, der sich selbst als „Seelsorger mit Herz und Seele“ bezeichnet.

Nach einer kleinen Ruhepause hält er auf der  Waldlichtung bei Alt-Ave vor dem neu errichteten Kreuz, das mit einem Motorradhelm voller Blumen geschmückt ist, eine kurze Andacht. „Hoffen wir, dass es eine Wirkung zeigt, bei denen, die am Drücker sind – damit es mit Ave so weitergeht, wie wir es gewohnt sind“, sagt Adam Schneider.

In dieser Hinsicht heißt es jetzt erst einmal abwarten. Wo er nun seinen Lebensabend verbringen wird, weiß Pater Flavian nicht. Diese Entscheidung trifft letztendlich der Orden. „Vielleicht bleibe ich doch irgendwo hier in der Nähe“, hofft er. „Mit Gott  ist alles möglich.“

Die Nachricht vom Weggang der Kapuziner hat die Anwesenden  schwer getroffen. „Die Pater sind immer für einen da: Sie sind Trostspender“, erklärt Christopher Auth. Ave Maria sei einfach ein Ort, an dem man Energie tanken und zur Ruhe kommen könne. Monika Ziegel, die Leiterin des katholischen Kindergartens, ist direkt nach Arbeitsschluss hinauf nach Ave geeilt.  Gerade hat sie mit ihrem Team noch die Maiandacht besprochen, zu der die Erzieherinnen jedes Jahr mit den Kindern in die Wallfahrtskirche gehen.  Überhaupt sei Ave ein beliebtes  Ausflugsziel  für den Kindergarten.  Wie es dort oben ohne die Pater weitergehen soll, kann sich Monika Ziegel nicht vorstellen. Wie die Kinder auf die Nachricht vom Weggang der Kapuziner reagieren werden, könne sie noch gar nicht einschätzen. „Die Kinder lieben Pater Flavian“.

Man könne nur hoffen, dass Ave Maria erhalten bleibe, findet auch Gerhard Rauscher, der mit dem Motorrad aus Weilheim hergefahren ist. „ Es kommen ja auch so viele Menschen von auswärts her“. Er selbst hat 1981  in Ave Maria geheiratet, die Verbindung zu dem Wallfahrtsort ist seither erhalten geblieben: Er kommt oft zum Gottesdienst her. Wallfahrtsorte seien in der heutigen Zeit sogar noch wichtiger als früher, merkt seine Bekannte Birgit Schaller an. „Man ist heute oft so zerrissen – auch wegen der ganzen Medien. Hier kann man zur Besinnung kommen“, meint die Motorradfahrerin aus Köngen. Elisabeth Staffa aus Geislingen schwärmt von der jüngsten Motorrad-Wallfahrt. Wunderschön sei es gewesen, sogar Weihbischof Renz sei begeistert gewesen. Die Biker würden die Veranstaltung sehr vermissen, wenn es sie nicht mehr geben würde. „Die Leute kommen ja nicht nur aus der Region, sondern auch aus Stuttgart, Augsburg und München.“

Für Ave Marias Pater kam die bevorstehende Schließung des Klosters fast so überraschend wie für die Öffentlichkeit. Sie seien von Orden und Diözese vor vollendete Tatsachen gestellt, erklärt Pater Flavian. Dass das Ende des Klosters einmal kommen würde, sei den Brüdern klar gewesen. „Aber es hätte nicht so schnell sein müssen.“ In Ave Maria könne er noch seelsorgerisch wirken, „woanders ist es vorbei“. Auf keinen Fall wolle er in ein großes Kloster umziehen: „Da fühle ich mich nicht wohl.“ Sich mit über 80 noch einmal umzustellen, falle ihm einfach schwer. Klagen wolle er aber nicht. „Ich bin dankbar, dass ich so lange hierbleiben durfte. Vielleicht lässt mich die Ave-Mutter ja nicht gehen.“

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