Adelberg in Sorge: Windpark als Klosterkulisse?

Zwei Visualisierungen, die jeweils ein völlig unterschiedliches Licht auf den geplanten Windpark GP-03 bei Wangen werfen – für Adelberg geht es um ihr Wahrzeichen.

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Um den Windpark „GP-01“, geplant für das Kaisersträßle in Adelberg, kam die Gemeinde herum. Der Rotmilan nahm dem Investorenkonsortium aus der Energieversorgung Filstal (EVF) und den Stadtwerken von Schorndorf und Fellbach, zusammengeschlossen zu den Energiedienstleistungen Remstal, den Wind aus den Segeln.

Doch dann der nächste Schock für die Klostergemeinde am Rande des Landkreises: Das Konsortium plant einen weiteren Park. Bestehend aus drei Windrädern, je so hoch wie der Stuttgarter Fernsehturm. Die umweltfreundlichen Riesenräder sollen auf dem ehemaligen Bundeswehrdepot entstehen, im Waldgebiet zwischen Unterberken und Wangen. Seit vergangener Woche ist die erste Hürde zum Windpark genommen: Das Zielabweichungsverfahren wurde abgeschlossen.

Doch auch der Windpark „GP-03“ erhitzt die Gemüter. Vor allem in Adelberg ist man alarmiert: Das denkmalgeschützte Kloster und damit das Wahrzeichen der Gemeinde werde durch die über 200 Meter großen Windräder „verschandelt“, sagt Adelbergs Bürgermeisterin Carmen Marquardt und steht mit dieser Ansicht nicht alleine da. „In der denkmalschutzrechtlichen Beurteilung kündigt sich ein Versagen der zuständigen Behörde an“, heißt es auszugsweise in einer Pressemitteilung des Göppinger Vereins MenschNatur. Die Windkraftindustrie nutze die Gutgläubigkeit der Behörden aus, das denkmalschutzrechtliche Gutachten entspreche nicht den Kriterien, die für eine Bewertung gefordert wären, schreibt der Verein.

Auf eigene Initiative ließ die Gemeinde ein Gutachten erstellen. Das Schriftstück und die darin enthaltenen Visualisierungen von Denkmal-Gutachter Dr. Geerd Dahms aus Hamburg werfen ein anderes Licht auf die Auswirkungen eines Windparks auf dem alten Bundeswehrdepot. Ein falscher Winkel, eine falsche Brennweite und der falsche Standort seien gewählt worden, sagte Marquardt auch beim öffentlichen Windkraft-Erörterungstermin in der Schurwaldhalle in Unterberken im März.

„Die Gegenüberstellung der Visualisierung des Gutachtens und der Visualisierung des Antragssteller zeigen deutlich, wie hier die Windkraftlobby arbeitet“, heißt es in der Pressemitteilung des Vereins weiter. Die mit den Visualisierungen beauftragte Gesellschaft Megawatt aus Stuttgart stünde der Windkraftindustrie nahe, meint Marquardt zudem. Die Gesellschaft berät Kommunen oder Stadtwerke bei der Umsetzung von Windkraft-Vorhaben. In Zusammenarbeit mit dem Büro Dr. Augustin aus Hamburg erstellte die Gesellschaft die Fotomontagen zur Visualisierung des Windparks, auf deren Grundlage die Behörden entscheiden sollen, ob GP-03 das denkmalgeschützte Kloster beeinträchtigt.

Das Gutachten wurde dem Landratsamt Göppingen und dem Landesdenkmalamt im März nach der Erörterungsveranstaltung übergeben. Am Mittwoch kam dann die Rückmeldung vom Landratsamt: Das Zielabweichungsverfahren, ein erster Schritt im Genehmigungsverfahren des Windparks sei durch. Von einer Beeinträchtigung des Klosters durch die Windräder gehe man nach wie vor nicht aus.

Auf Anfrage heißt es von der unteren Denkmalschutzbehörde des Landratsamts Göppingen, die das Gutachten der Gemeinde Adelberg fachlich prüfte: „Die fachlichen Ausführungen der Gemeinde Adelberg wurden als nicht belastbar eingestuft. Es verbleibt daher bei der Einschätzung der Unteren Denkmalschutzbehörde, dass keine erhebliche Beeinträchtigung des ehemaligen Klosters Adelberg zu erwarten ist.“ Für Carmen Marquardt ist das „völlig unverständlich“. „Scheinbar wurde keine neutrale Visualisierung mehr angefordert“, bedauert sie. Man werde weiter kämpfen, kündigt sie an. In der kommenden Gemeinderatssitzung werde man das weitere Vorgehen besprechen. „Eine Klage ist auf jeden Fall eine Option“, so Marquardt. „Denn schließlich geht es hier um das Aushängeschild der Gemeinde – das denkmalgeschützte Kloster  – auf welches Adelbergs Bürger sehr stolz sind!“ Nach Einschätzung der verfahrensführenden Behörde könne frühestens in zwei Monaten mit einem Ergebnis des Genehmigungsverfahrens gerechnet werden.

Ein KOMMENTAR von Kristina Betz: Skepsis nicht schüren

Die Planungen und Genehmigungsverfahren für Windparks gehen selten ohne Konflikte über die Bühne. So auch im Falle der geplanten drei Windanlagen „GP-03“ auf dem alten Bundeswehrdepot bei Wangen.

Weil sie die vom Investorenkonsortium in Auftrag gegebenen Visualisierungen anzweifelte, gab die Adelberger Gemeindeverwaltung ein neues Gutachten in Auftrag. Und das wirft ein völlig neues Licht auf die Situation: Wo man aus der Perspektive des ersten Gutachtens kaum das Kloster, geschweige denn Windräder sieht, sind die 200 Meter hohen Windräder in der neu in Auftrag gegebenen Grafik deutlich als Klosterkulisse zu erkennen. Das Gutachten wurde zwar in das Verfahren mit aufgenommen, Auswirkungen auf das Ergebnis hat es allerdings nicht. Neue, unabhängige Visualisierungen wurden nicht angefertigt. Ob die von den Investoren beauftragte „Megawatt – Gesellschaft für Windenergie“ neutral und unabhängig ist bleibt zudem anzuzweifeln.

Ob der Denkmalschutz dem Windpark nun im Wege steht oder nicht, muss die Denkmalschutzbehörde entscheiden: Aber auf Grundlage neuer, unabhängiger und realistischer Grafiken. Ein Festhalten an den bisherigen, die auf den ersten Blick als Pfuscherei zu erkennen sind, befeuert den Streit um die Windkraft nur und ruft Skeptiker erst recht auf den Plan.

Genehmigungsverfahren: Bürger können bei der zuständigen Behörde ihre Einwendungen einreichen. Nach Ablauf der Frist entscheidet die Genehmigungsbehörde, ob ein Erörterungstermin anberaumt wird. Auf Grundlage der eingegangenen Stellungnahmen der Öffentlichkeit und der beteiligten Behörden entscheidet die Behörde dann über die Genehmigung. Im Fall von „GP-03“ wurde ein zweitägiger Termin zur Erörterung im März in der Schurwaldhalle in Oberberken anberaumt. Über 1000 Einwendungen gingen ein, mehr als 100 Bürger kamen persönlich zum Termin.

Zielabweichung: Mit dem Zielabweichungsverfahren ist es Kommunen und Behörden möglich, von einem Ziel der Raumordnung abzuweichen. Für GP-03 ist das Verfahren abgeschlossen. Der Planungsausschuss der Regionalversammlung, der dazu angehört wurde, hat der Abweichung zugestimmt. Auch die Behörden gaben ihr Okay. Das Gutachten, das die Gemeinde Adelberg angefertigt hat, wurde zwar in die Unterlagen aufgenommen, das Urteil, dass keine Beeinträchtigung des Klosters durch die Windräder zu befürchten sei, wurde jedoch nicht revidiert. Auch wurden keine neuen Visualisierungen angefertigt.

Rechtliche Grundlagen: Das Genehmigungsverfahren zu Windkraftanlagen und Windparks entspricht dem Bundes-Immissionsschutzgesetz (BImSchG).

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Kommentare

04.06.2017 14:34 Uhr

Preis für Energieverbrauch

Zugegeben, das Kloster Adelberg ist ein schöner Ort zum Verweilen und Anziehungspunkt für Wanderer.

Auf der anderen Seite gibt es aber allein in Deutschland viele zehntausend vergleichbare denkmalgeschützte Gebäude und Anwesen. Würden aus Rücksicht all dieser Objekte keine Windkraftanlagen in dessen Hintergrund genehmigt werden, gäbe es nirgends welche.

Klar, für jedem erscheint seine eigene Umgebung besonders schön und erhaltenswert. Deshalb möchte man diese vor großen Eingriffen schützen. Aber so geht es allen Menschen, überall. Das muss man sich immer vor Augen führen. Auf der anderen Seite möchte aber auch jeder mit Strom versorgt werden.

Windräder haben zwar den Nachteil, dass man sie selbst von weitem sieht. Aber Kraftwerke sieht man auch und dessen Anblick ist auch nicht schöner. Schlimmer noch ist es dort, wo große Braunkohle-Bagger sich durch die Landschaft fressen und eine Spur der Verwüstung hinterlassen. Oder wo ganze bewaldete Bergkuppen abgesprengt werden um dort Steinkohle abzubauen. Die ökologischen Folgeschäden sind immens und um ein Vielfaches höher als die der Windkraft.

All das sehen wir nicht, muten es aber Millionen von Menschen wie selbstverständlich zu. Ist es da wirklich unzumutbar, sich mit dem Anblick von Windrädern zu arrangieren? Ich meine nein. Auch Besucher werden sich von den Anlagen im Hintergrund nicht abhalten lassen, weiterhin das Kloster Adelberg gerne aufzusuchen, davon bin ich überzeugt.

Rüdiger Höwler
Rechberghausen

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