Wiesensteig will der Fils ihr natürliches Bett zurückgeben

Dass die Stadt bei Hochwasser regelmäßig überflutet wird, reicht den Wiesensteigern. Nun soll der Bach aus seinem zu engen Korsett befreit werden. Gewässer-Fachleute stellten nun im Gemeinderat ihre Pläne vor.

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Die Fils beim Spielplatz an der Seestraße: Über die Rinne links schießt bei Unwettern das Wasser der Wolfsklinge in die viel zu enge Fils, das dann nicht richtig abfließt.  Foto: 

"Das ist wie auf einer dreispurigen Autobahn, auf der es sich staut, weil drei Kilometer weiter eine Baustelle ist", sagt Holger Kappich. Der Landschaftsarchitekt und Hydrologe erklärt den Wiesensteiger Räten, was beim Hochwasser am 1. Juni 2013 in der See- und in der Helfensteinstraße geschah - und vor allem warum.

Das Problem: An einigen Stellen ist das Ufer so eng und die Fils so eingezwängt, dass das Hochwasser nicht schnell genug abfließen kann. 6,71 Kubikmeter in der Sekunde müssten abfließen können, um ein statistisch alle 100 Jahre auftretendes Hochwasser zu verkraften. An vielen Stellen fasst die Fils aber nicht einmal fünf Kubikmeter, an ihrer engsten Stelle sogar nur 2,76 Kubikmeter pro Sekunde, rechnet Kappichs Kollegin Kristina Bergmann vor. "Das Profil reicht nicht aus, um ein Hochwasser abzuführen", lautet die Erkenntnis.

Die Lösung klingt einfach, ist aber nicht so leicht umzusetzen. Die Fils bräuchte mehr Raum, ihr Wasserlauf müsste breiter werden und die Ufer wieder natürlicher. So manche Mauer und so manche Uferböschung müssten dafür weichen - auch auf Privatgrundstücken, was die Umsetzung schwieriger macht. "Nur, wenn alle mitmachen, sind die Maßnahmen umsetzbar", stellt Kappich deshalb fest.

Die Stadt übernähme die Kosten in Höhe von 615.000 Euro, die Anlieger kostet's nichts. Unterstützung erhielte Wiesensteig vom Land - bis zu 85 Prozent Zuschuss sind möglich. Aber eben nur, wenn die Fils wieder ein natürliches Bachbett erhält. So wie in Hüttlingen (Ostalbkreis), wo nach der Renaturierung zehnmal mehr Fische um Kocher schwämmen, so Kappich. Beispiel Seestraße: Dort, wo das Niederschlagswasser aus der Wolfsklinge in die Fils fließt, läuft sie regelmäßig über. Die Fachleute schlagen vor, einen Damm abzugraben, der bisher kaum Schutz vor Hochwasser bot, das Ufer flacher zu gestalten und den Wasserlauf auf vier Meter zu verbreitern. "Profilaufweitung", nennen sie das. Am Spielplatz dürfte das kein Problem sein - das Grundstück gehört der Stadt.

Anders bei privaten Grundstücken. Die Stadt hat deshalb 2014 die Grundstücksgrenzen an der Fils neu vermessen lassen und festgestellt , dass der tatsächliche Verlauf des Gewässers mit den alten Katasterkarten gar nicht mehr übereinstimmt. Die sogenannte Mittelwasserlinie weicht teilweise um mehrere Meter ab. So oder so müsste mancher Grundstückseigentümer auf einen zwei Meter breiten Uferstreifen verzichten, damit die Fils wieder Platz hat. Die Planer haben dafür den Oberlauf der Fils bis zur Kirchheimer Straße in fünf Abschnitte eingeteilt, die mal mehr, mal weniger leicht umgestaltet werden könnten. 615.000 Euro würde das gesamte Projekt kosten. "Klar, es ist nicht ganz billig", sagt Kappich. Aber: "Wir wollen die Last gleichmäßig auf alle Schultern verteilen."

Doch was, wenn die Fils durch den Umbau ganz anders flösse? "Wer haftet bei Schäden?", fragt daher Stadtrat Wolfgang Hauser, dem Kappich das Gewässerrecht erklärt. "Ist eine Baugrunduntersuchung nötig?", will Bürgermeister Wolfgang Tritschler wissen. Mit verseuchten Böden sei immer zu rechnen, entgegnet der Planer.

Die 30 Zuhörer im Saal - meist Filsanlieger - scheinen sich gut informiert zu fühlen. Fragen stellen sie nicht viele. Der Schultes hatte sie deshalb aus dem engen Rathaus ins katholische Gemeindezentrum verlegt. Bürgermeister Tritschler will nun den Anliegern schreiben, ihnen die Pläne vorlegen und mitteilen, mit wie vielen Quadratmetern ihre Grundstücke betroffen wären. Ob sie auch mitmachen, "das ist in der Tat die spannende Frage".

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