Wer kriegt wieviel Wasser?

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Kein Thermalwasser, sondern ein See, der sich aus Regenwasser speist: 40 Jahre nach den Thermalbadplänen richtet sich die Wala auf den damals aufgekauften Grundstücken ein.  Foto: 

Niemand würde das erwarten: Die Thermalquelle für das Thermalbad von Bad Boll gehört nicht dem Kurhaus. Vielmehr haben bis heute die Gemeinden Boll, Dürnau und Gammelshausen das Sagen. Sie halten zusammen 70 Prozent der Besitzergesellschaft. Das Kurhaus und dessen heutiger Träger, das Christophsbad in Göppingen, hielt nur 30 Prozent. Erst jetzt, nach mehr als 40 Jahren, ziehen sich die Gemeinden zurück.

Warum das so war: Der Boller Bürgermeister Herbert Böttle entwarf Ende der 60er Jahre die Vision von einem Schwimmbad in Boll. Es war die Zeit, als sich Bad Ditzenbach, Bad Überkingen und Beuren Thermalbäder zulegten oder dies planten. Boll wollte mithalten. Der Schultes dachte dabei weniger an ein Thermalbad für das Kurhaus. Sondern an ein attraktives Schwimmbad für die ganze Familie. Ein „Spaßbad“, wie es der damalige Hattenhofer Bürgermeister Peter Klass nennt. Auch das lag in der Zeit. Adelberg nahm damals Kurs auf sein Wellenbad. Und überhaupt bauten Kommunen landauf landab Schwimmbäder.

Böttle gelang es, den neuen Gemeindeverwaltungsverband Raum Bad Boll mit ins Boot zu nehmen. Dem Verband gefiel die Idee, etwas Großes anzupacken, wie sich der frühere Hattenhofer Gemeinderat Wolfgang Liebrich erinnert. Ein Thermalbad in Bad Boll – in diesem Glanz konnten sich auch die Umlandgemeinden sonnen. Bestätigung brachte eine Besichtigungsfahrt in die Schweiz, erinnert sich Peter Klass. Man sah dort, wie ein solches Bad florierte. Auf der Heimfahrt habe er noch mit seinem Zeller Amtskollegen Gerhard Schwegler geflachst: „Wenn es die Boller nicht bauen, bauen wir’s am Butzbach.“

Erst einmal musste eine Thermalquelle erbohrt werden. Da war dann auch das Kurhaus dabei. Und die Evangelische Akademie Bad Boll, vertreten durch die Landeskirche. Die Akademie war daran interessiert, ihren Tagungsgästen ein Thermalbad um die Ecke bieten zu können. So weiß es Dr. Dankfried Steuernagel, Leitender Arzt des Kurhauses ab 1973. Als er kam, war die Thermalquelle schon gebohrt. Und das Kurhaus wollte davon etwas haben. Denn es war auch die Zeit, als man das Wasser für therapeutische Zwecke entdeckte. Krankengymnastik und Bewegungstherapie im Wasser – „man kann den Auftrieb nutzen“, erläutert Steuernagel. Der damalige Verwaltungsdirektor Manfred ­Philipp, der auch im Bäderverband war, habe darauf hingearbeitet. „Wir waren ein kleines Kurhaus“, sagt Steuernagel. „Wir hatten nur das Schwefelwasser und den Jurafango.“

1973 sei die Situation so gewesen: „Die Gemeinden wollten das Geschäft mit dem Thermalwasser machen, wir brauchten es für die Therapie. Es war ein Tauziehen: Wer kriegt wieviel Wasser?“ Die Gemeinde habe das Kurhaus kurz gehalten. „Sie blockierte bei der Größe unseres Beckens.“ Das ging dann im März 1976 in Betrieb.

Die Gemeinden trieben ihre Pläne voran. Böttle kaufte die Wiesen zwischen Bad Boll und Boll auf, hier sollte das große Thermalbad entstehen. Auch für Kurgäste. Es sollte ebenso therapeutische Becken und medizinische Bäder haben, sogar ein Kurhotel und Sanatorium. Ob dem Kurhaus dabei eine Rolle zugedacht war, ist unklar. An einem Architektenwettbewerb beteiligten sich 46 Büros aus ganz Süddeutschland. 1974 sollte gebaut werden.

Aber die schiere Größe des Projekts bremste den Schwung. Ein Jahr später war man bei einem Finanzierungsmodell, das „auf seine Art neu“ sei, wie der neue Boller Bürgermeister Hans H. Pfeifer sagte. Ein Fonds sollte Bauherr werden und 50 Prozent der Baukosten bringen,  weitere 50 Prozent  sollten mit Krediten bestritten werden. Aber: Aichelberg stieg aus. Dort hatte man Zweifel, dass die täglich 1100 Besucher zu erreichen seien, die man brauchte. Es gab auch die Sorge, dass das Christophsbad – damals Landerer – in Göppingen nach Thermalwasser bohren und dem Boller Bad Konkurrenz machen könnte. Das wollte der Verband sogar mit einer Klage verhindern.

Auch ohne Aichelberg wollte der Verband weitermachen. Aber die Luft war heraus. Boll blieb indes am Ball. Jahre später präsentierte Bürgermeister Pfeifer Pläne für „das modernste Bäder-Freizeitzentrum, das es zur Zeit gibt“. Eine riesige Hallenlandschaft mit 1200 Quadratmeter Wasserfläche sollte entstehen.  Kosten: 23 Millionen Mark. Auch daraus wurde nichts.

So blieb es beim Thermalbad des Kurhauses. Nach 30 Jahren wurde es zum Badhaus ausgebaut. Nachlese in Boll: Zehn Jahre nach dem Scheitern der Verbandspläne hat der damalige Boller Bürgermeister Klaus Pavel beklagt, wieviel totes Kapital in den gekauften Grundstücken stecke. Aber es sollte sich auszahlen. Als die Wala 25 Jahre später große Erweiterungspläne schmiedete, konnte ihr die Gemeinde Fläche anbieten. Heute steht dort das Technikum als erstes Bauwerk. Auch das Thermalbad des Kurhauses sollte der Gemeinde nützen. „Das war wesentlich für unsere Anerkennung als Kurort“, sagt Bürgermeister Hans-Rudi Bührle.

Bäderlandschaft Was der Gemeindeverband Raum Bad Boll 1973 plante: ein Thermalhallenbad mit zwei Becken und Freilandbecken, im Freien ein Wellenbad (500 Quadratmeter), ein Kinderbecken, Heiß- und Kaltwasserbecken. Dazu medizinische Bäder, Unterwassermassage, Heilgymnastik, Sauna, Fitness-Raum. Den Gästen wollte man eine Cafeteria und einen Vortrags-und Lesesaal bieten. Mit einem Kurhotel und einem Sanatorium in privater Regie wollte der Verband den Fremdenverkehr kräftig ankurbeln.

Spaßbad Die Pläne der Gemeinde Boll in den Jahren 1978/79: Vier Becken mit insgesamt 1200 Quadratmetern, in der Hauptsache ein Thermalbecken mit 400 Quadratmetern, ein Sprudel- und Massagebecken und ein Wellenbecken mit zusammen 650 Quadratmetern. Dazu ein Grottenbad, Wildbach, Rutschbahn, Wasserfall, Sauna, Nass- und Trockenrestaurants, Sonnenterrasse, Squash-Courts. Ein Haus des Gastes für 800 000 Euro sollte auch kommen.

Thermalquelle Die Bohrung von 1972 erbrachte eine Thermalquelle mit 12 Litern pro Sekunde von 49 Grad warmem Wasser. Die Heilquelle verspreche vor allem Linderung bei Rheuma, Gicht und Ischias, durch den erheblichen Kohlensäureanteil aber auch Kräftigung von Herz und Kreislauf, berichtete damals die NWZ. Die Kosten: 950 000 Mark. Dies bestritten damals die Gemeinde Boll, der Gemeindeverband, das Kurhaus und die Landeskirche für die Evangelische Akademie.

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