Wegen Totschlags angeklagte Mutter sagt vor Gericht aus

Die 36-jährige Mutter, die im vergangenen Oktober in der Nähe der A 8-Raststätte Aichen ihre elfjährige Tochter erstochen und ihren damals zwei Jahre alten Sohn schwer verletzt haben soll, sagte am Mittwoch aus.

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In dieser Unterführung der A 8 bei Nellingen-Aichen lagen die tote Elfjährige und ihr schwerverletzter zweijähriger Bruder in einem Auto. Jetzt hat der Prozess gegen ihre 36-jährige Mutter in Ulm begonnen.  Foto: 

Zwei Stunden lang machte die Angeklagte vor dem Landgericht Ulm am ersten Verhandlungstag Aussagen zum Tathergang und den Ereignissen im Vorfeld. Zweimal unterbrach der Vorsitzende Richter Gerd Gugenhan die Vernehmung, um der schluchzenden Frau Gelegenheit zu geben, sich wieder zu fassen. Die wegen Totschlags in Tateinheit mit versuchtem Totschlag und schwerer Körperverletzung angeklagte 36-Jährige hatte die Vorwürfe bereits in der Tatnacht gegenüber der Polizei gestanden und zugegeben, ihre elfjährige Tochter am 19. Oktober 2014 in einer Unterführung der A 8 nahe der Raststätte Aichen mit mehreren Messerstichen getötet zu haben. Ihren damals zweieinhalb Jahre alten Sohn verletzte sie schwer.

Ihr glückliches Leben habe allerdings schon vorher angefangen zu zerbrechen, erzählte die Angeklagte. Am 11. Februar 2013 klingelte für sie völlig überraschend die Kripo an der Tür und durchsuchte ihre Wohnung in der Schweiz, wo sie damals mit ihrem Mann und den zwei Kindern lebte. Der Grund: Ihr Mann war verhaftet worden, weil er einen Menschen getötet hatte. Später wurde er zu 13 Jahren Haft verurteilt. „Das war für mich der Weltuntergang.“

Nach dem Mord ihres Mannes ging es bergab

Nach diesem Vorfall ging es nach Schilderung der Beschuldigten mit ihrem Leben und ihrer psychischen Verfassung rapide bergab. In der Schweiz konnte sie ihren Lebensunterhalt allein nicht finanzieren. Deshalb zog die gelernte Friseurin, die aus dem Raum Göppingen stammt, zurück nach Deutschland in eine Gemeinde im Täle. Zunehmend habe sie mit Depressionen und Suizidgedanken gekämpft. Außerdem glaubte sie an eine umfassende Verschwörung gegen sie und ihre Kinder: Im Internet sei gegen sie gehetzt worden, Fremde hätten sie verfolgt und angestarrt, ständig seien sie und ihre Kinder fotografiert worden. Von allen diesen Menschen sei sie für die Tat ihres Mannes verantwortlich gemacht worden.

Als ihr Zustand schlimmer geworden sei und sie schließlich glaubte, ständig Hubschrauber über sich kreisen zu hören, ließ sie sich für drei Wochen stationär und später auch ambulant psychiatrisch behandeln. „Es hat nicht wirklich geholfen“, sagt sie. Die Suizidgedanken seien zwar für eine Weile verschwunden, verfolgt habe sie sich allerdings immer noch gefühlt. Dass ihr ständig von Menschen nachgestellt wurde, die sie mit dem Handy fotografierten, halte sie auch heute noch für real.

Depressionen und Suizidgedanken

Im Herbst 2014 habe sich ihre Depression und die Suizidgedanken wieder verschlimmert. Am 18. Oktober fuhr sie zusammen mit der Tochter in die Schweiz, um sich dort mit Freundinnen zu treffen, „weil es mir so schlecht ging“. Auf den Sohn passte in der Zwischenzeit ihre Mutter auf. Die erste Freundin in der Schweiz habe nichts mehr mit ihr zu tun haben wollten, erzählte die Angeklagte. Denn die 36-Jährige habe nach der Verhaftung ihres Mannes im Internet ein „Geständnis“ abgelegt: Sie habe gewusst, dass ihr Mann auf einer Marihuanaplantage arbeite und einen Überfall plane. Nähere Angaben machte sie vor dem Gericht zu diesem „Geständnis“ und seinem Wahrheitsgehalt nicht.

Bei der zweiten Freundin, die sie in der Schweiz aufsuchte, übernachtete sie schließlich. Ihr erzählte die Angeklagte von ihren Suizidgedanken und dass sie „Stimmen“ höre, die sie aufforderten, sich umzubringen. Sie habe der Freundin zugesichert, sich in ärztliche Behandlung zu begeben.

Am Morgen der Tatnacht fuhr sie zurück zu ihren Eltern nach Deutschland, um ihren Sohn abzuholen. Am Nachmittag kam es zu einem Streit mit ihrem Vater, der sie drängte, sich erneut stationär behandeln zu lassen. Er fuhr sie sogar bis vor die Tür einer psychiatrischen Klinik. Doch die Angeklagte weigerte sich, sich aufnehmen zu lassen. „Ich hatte Angst, dass sie mir dann meine Kinder wegnehmen.“

Am Abend betäubt die Mutter ihre Kinder

Gegen 19 Uhr fuhr sie schließlich wieder mit ihren Kindern nach Hause. Dort betäubte sie das Mädchen und den Jungen mit Tabletten, packte ein Küchenmesser mit einer 16 Zentimeter langen Klinge in ihre Handtasche und fuhr zwei Stunden „ziellos“ mit ihren Kindern im Auto durch die Gegend. Zu diesem Zeitpunkt habe sie den Gedanken gefasst, zusammen mit ihren Kindern zu sterben. „Waren Sie sich da bereits sicher, dass das der richtige Weg ist?“, fragte Richter Gugenhan die Angeklagte. „Ich kann es nicht erklären“, antwortete diese. „Ich wollte sterben und die Kinder nicht allein lassen.“ Sie habe keinen anderen Ausweg mehr gesehen.

Wie sie zu der Unterführung bei der A 8 in der Nähe der Raststätte Aichen gekommen sei, wo sie ihr Auto abstellte und schließlich ihre Tochter tötete, könne sie nicht mehr sagen. Als sie überzeugt war, dass ihre Kinder tot seien, habe sie versucht, sich die Pulsadern aufzuschneiden und sich ins Herz zu stechen. Nachdem dies gescheitert sei, stieg sie eine Böschung hinauf und lief mehrmals auf die A 8, wo der Verkehr wegen einer Baustelle allerdings nur langsam rollte. „Leider“ sei sie dort nicht überfahren worden.

Zwölf Prozesstage geplant

Prozessplanung: Derzeit sind in dem Verfahren zwölf Verhandlungstage angesetzt. Am Donnerstag wird der Prozess um 8.30 Uhr im Seminarraum im dritten Obergeschoss des Ulmer Landgerichts fortgesetzt (der Aufgang befindet sich in der Mitte des Flurs des Ostflügels im zweiten Obergeschoss). Weiter Verhandlungstermine folgen in diesem Monat am Donnerstag, dem 25. Juni, und am Dienstag, dem 30. Juni.

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Themenschwerpunkt

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