Die Heilkraft des Singens

Singen ist ein Gesundheitserreger, Singen ist heilsam. Diese Erkenntnis vertiefen dieser Tage 150 Teilnehmer der Tagung "Singende Krankenhäuser" in Bad Boll. Es ist der Siegeszug einer Idee aus Göppingen.

JÜRGEN SCHÄFER |

Wolfgang Bossinger hat die Kraft des Singens neu entdeckt. Er stieß auf die "heilsamen Lieder": auf einfache Lieder, die es in allen Kulturen gibt und die Menschen aufmuntern. Jeder kann sie mitsingen, immer wieder die gleiche Strophe, und das stiftet Gemeinschaft - beispielsweise zwischen Patienten, ehemaligen Patienten, Angehörigen und Außenstehenden. So hat das Bossinger als Musiktherapeut im Christophsbad erlebt und 2005 ein Buch darüber geschrieben.

Jetzt kann er nur staunen, was daraus geworden ist: eine Bewegung, die durch die Welt rollt. Pioniere gab es vorher auch schon, sagt er, aber kein Netzwerk. Jetzt hat der Verein "Singende Krankenhäuser schon fast 300 Mitglieder, im letzten Jahr wuchs er um 55 Prozent. Ausgebucht sind die 150 Plätze für die Jahreskonferenz in Bad Boll. Aus Canterbury ist der weltweit führende Singforscher gekommen, Professor Steven Clift. Er begleitet das Netzwerk wissenschaftlich. "Schön und berührend" findet Bossinger all diese Erfolge.

Das "heilsame Lied" und das offene Singen hält in Psychiatrien und Kliniken Einzug. Beispielsweise in Winnenden. Die dortige Psychiatrische Klinik hat sich im letzten November eingeklinkt und seither 25 Mal zum offenen Singen eingeladen. Es gab einen festlichen Auftakt, berichtet Musiktherapeut Stefan Weiß, der die Federführung hat. Einen Erfolg sieht er auch darin, dass Patienten und Mitarbeiter beim Singen "gleich" sind - Hierarchien gibt es da nicht. Das tue den Patienten gut.

Weiß war schon letztes Jahr in Bad Boll, er ließ sich hier zum Singleiter ausbilden. Das ist eine Voraussetzung für die Zertifizierung eines Singenden Krankenhauses. In diesem Jahr gibt es dafür 250 Plätze - auch die sind ausgebucht, strahlt Sonja Heim, Geschäftsführerin des Vereins.

Kern der Tagung war die Ausweitung des Singens auf möglichst viele Felder. Das Singen ist ja lebensumfassend, weiß die Schirmherrin Gerlinde Kretschmann, von der Wiege bis zur Bahre. Schon für Kinder ist das Singen gut, weil es die Sprechstimme stärke und das Gehör schule, erläuterte Referentin Annette Mangold. Sogar für Frühchen kann man etwas tun. Der ruhige Gesang der Mutter beruhigt sie. In Altenheimen wird gesungen, im Hospiz auch. Ein Projekt "Fährfrauen" wurde vorgestellt. Auch für Hinterbliebene ist Gesang tröstlich. Man solle das Klagelied wiederentdecken und der Trauer Raum geben, wünscht sich Bossinger. Beleben will der Verein auch die Alltagskultur des Singens.

Auch im Krankenhaus wird das heilsame Lied gebraucht, neben den bisherigen Programmen der Musiktherapeuten. Man kann für Lungenkranke, Krebskranke, Parkinsonkranke unterschiedliche Intonierungen entwickeln, sagt der Vereinsvorsitzende Norbert Herrmanns, selbst Musiktherapeut und Opernsänger aus Köln. Er hat schon ein befreiendes Weinen einer depressiven Patientin beim Singen erlebt, so stark kann das Gefühl sein. Vorgetragen wurden in der Tagung Worte einer Palliativ-Patientin, die in ihrem Leiden gefangen ist: "Beim Singen kann ich alles vergessen, da bin ich im Jetzt, nicht bei der Chemotherapie morgen."

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