Von der Hand in den Mund

Der Landkreis sucht fieberhaft nach Wohnraum für 229 Flüchtlinge, die im Juli zugewiesen werden. Die Krux: Die bisherigen Unterkünfte sind überbelegt und nicht jedes angebotene Objekt ist geeignet. Mit einem Kommentar von Karin Tutas.

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Flüchtlingskinder spielen Tischfußball in einer Gemeinschaftsunterkunft: Die bislang existierenden Unterkünfte im Landkreis sind überbelegt.  Foto: 

"Das ist eine gewaltige Herausforderung", so beschreibt Sozialdezernent Hans-Peter Gramlich die Aufgabe, die der Landkreis nun in Windeseile bewältigen muss. 229 Flüchtlinge muss der Kreis im Juli aufnehmen. Die Nachricht habe das für die Unterbringung von Asylbewerbern zuständige Sozialamt zwar nicht unerwartet getroffen, seien doch bislang weniger Menschen gekommen als erwartet. Dennoch seien sämtliche Unterkünfte in den Städten und Gemeinden des Landkreises schon überbelegt.

"Wir leben von der Hand in den Mund", sagt Gramlich. Wo die vom Land zugewiesenen Flüchtlinge untergebracht werden sollen, "wissen wir nicht". Die 70 Wohnplätze, die der Landkreis in neuen Containern beim Berufsschulzentrum in Geislingen errichten lassen will, reichen bei Weitem nicht aus. "Wir prüfen alle Möglichkeiten, die sich erschließen", betont der Sozialdezernent und ist froh, dass er dabei auf die Unterstützung der Städte und Gemeinden zählen könne. Jedoch verfügten viele Kommunen selbst über keine leerstehenden Gebäude oder Wohnungen, so dass man verstärkt auf den privaten Wohnungsmarkt angewiesen sei.

Besonders kleinere Kommunen tun sich schwer, Wohnraum aufzutun, der den Ansprüchen der Behörde bei der Unterbringung von Flüchtlingen genügt. "In Schlat gibt es keine alten Häuser, die zur Verfügung stehen", erklärt zum Beispiel Bürgermeisterin Gudrun Flogaus, die bereits eine Containerlösung erwägt, "falls gar nichts mehr geht". Die Kommunen unterstützten die Wohnraumsuche nach Kräften, hebt der Lautersteiner Rathauschef Michael Lenz hervor. Lenz weist aber auch auf die begrenzten Möglichkeiten kleinerer Kommunen hin. Man trete gezielt an Eigentümer von leerstehenden Häusern oder Wohnungen heran, "aber die Besitzer müssen auch bereit sein zu verkaufen oder zu vermieten. Zwingen können wir niemanden", betont Lenz.

Einige Objekte habe die Stadt dem Landkreis anbieten können, jedoch die seien wohl eher zu klein, um als Gemeinschaftsunterkunft zu taugen, oder es stünden baurechtliche Gründe wie Mängel beim Brandschutz entgegen, sagt Lenz. Das sei mit ein Grund, weshalb es bei der Schaffung von Wohnraum langsamer vorangeht, als sich dies die Verantwortlichen im Sozialamt wünschen. Innerhalb des Landratsamtes sind verschiedene Fachabteilungen mit der Flüchtlingsunterbringung betraut. Neben dem Sozialamt sind das auch das Liegenschafts- und das Bauamt, da gebe es durchaus unterschiedliche Einschätzungen, was die Standards der Unterkünfte betreffe, räumt Hans-Peter Gramlich ein.

Eine Koordinierungsgruppe, welche die Behörde inzwischen eingerichtet hat, soll nun die Vorgänge beschleunigen. Sind die Fachabteilungen unterschiedlicher Auffassung, soll Landrats-Stellvertreter und Erster Landesbeamter Jochen Heinz dafür sorgen, dass schnell entschieden wird.

Gramlich setzt bei der Suche nach Wohnraum jedoch weiter auf den privaten Markt. "Die Vermieter können sicher sein, eine sichere Einnahmequelle zu haben", denn der Landkreis übernehme die Miete und stehe auch für eventuelle Schäden gerade, betont der Sozialdezernent. Hoffnung machten ihm das hohe Maß an ehrenamtlichen Engagement für Flüchtlinge im Landkreis. Für die Wohnungssuche ist im Landratsamt seit einigen Wochen eine "Kümmererstelle" beim Liegenschaftsamt eingerichtet. Dort nimmt Walter Mann Angebote entgegen, Telefon: (07161) 202-245.

Ein Kommentar von Karin Tutas: Eine Herkulesaufgabe

Es ist fürwahr eine Herkulesaufgabe. Die Zahl der Flüchtlinge steigt, der Landkreis bekommt noch in diesem Monat weitere 229 Asylbewerber vom Land zugewiesen. Diese Menschen brauchen ein Dach über dem Kopf, jedoch Wohnraum ist rar und alle Unterkünfte sind schon jetzt überbelegt. Es schwingt Ratlosigkeit mit, wenn der zuständige Dezernent im Landratsamt erklärt, man wisse nicht, wie man diese Menschen und die vielen, die in diesem Jahr noch folgen werden, unterbringen soll. Obwohl mit deutlich steigenden Flüchtlingszahlen gerechnet wurde, ist man offenbar nicht vorbereitet. Es gibt aber auch Lichtblicke: Die Wohnraumsuche im Landratsamt soll koordiniert und beschleunigt werden. Und der Landkreis kann nun auf seine Kommunen zählen. Inzwischen stellen sich auch jene Städte und Gemeinden ihrer Verantwortung, die bislang die Unterbringung der Flüchtlinge nicht auf der Agenda hatten und suchen Möglichkeiten, um die Menschen aufzunehmen. Jedoch stoßen die Kommunen dabei an Grenzen. Es gibt zwar viele leerstehende Wohnungen und Häuser, doch diese sind häufig in Privatbesitz. Und die Eigentümer können nicht zum Verkaufen oder Vermieten gezwungen werden. Obwohl der Landkreis Kosten und Risiken einer Vermietung trägt, überwiegen offenbar immer noch die Vorbehalte gegenüber den Flüchtlingen. Hier ist noch viel Überzeugungsarbeit notwendig.

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Das Thema Asyl beschäftigt auch den Landkreis Göppingen und seine Kommunen.

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