Voll vernetzt unterwegs in die Kindheit

In Göppingen ist am Freitag wieder einmal das Märklin-Fieber ausgebrochen.

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Es rattert, pfeift und zischt. In der Werfthalle im Stauferpark in Göppingens Osten rangiert eine Diesellok der Bahn auf dem Gleis hin und her, der Motor dröhnt und brummt. Es ist fast wie im Göppinger Bahnhof, nur etwas leiser. Und kleiner. Die Lok ist gerade mal 20 Zentimeter lang.

Die Firma ESU aus Neu-Ulm bietet Geräusche für alles, was jemals auf den Schienen rollte und rollt. Dampfzischen und Pfeifen aus der Dampflokzeit, Dröhnen und Wummern aus der Dieselära und Surren und Summen der E-Loks. Das „Leben“ auf den Modellbahnanlagen wird immer detailreicher und echter, nur Diesel-Abgas-Duft wabert noch nicht durch die Luft.

Digital und doch traditionell

Was es alles rund um die Modellbahn gibt, ist seit Freitag und noch bis Sonntagabend auf den 11. Märklin-Tagen und der 34. Internationalen Modellbahnausstellung in Göppingen zu sehen. Im Märklin-Stammwerk an der Stuttgarter Straße gibt es Führungen, in der EWS-Arena Gartenbahnanlagen im großen Maßstab, im Bahnhof pfeifen und zischen historische Lokomotiven und im Stauferpark zeigen die Hersteller von Bahnen und Zubehör, was sich auf den Modellbahnanlagen in Kellern oder unterm Dach alles versteckt.

Obwohl dort beinahe alles was rollt, blickt und sich bewegt mittlerweile voll digital vernetzt ist, spielt fast immer ein Stück Vergangenheit, gestern und Kindheit mit. Die Schauanlagen der Clubs und einiger Hersteller widmen sich bestimmten Epochen, dann muss jedes Details stimmen. Nicht nur die Loks und Waggons sahen beispielsweise in den 60er-Jahren anders aus als heute, auch die Autos. Es gibt auf einer Schauanlage noch den Kohlenhändler, über das Kopfsteinpflaster rollt ein Heckflossen-Benz, über den Acker ein roter Porsche-Trecker, im Hof parkt an Magirus-Lkw.

Diorama zeigt Folgen eines Bomben-Angriffs

Auch Geschichte kann per Modellbau anschaulich gemacht werden. Der Zubehör-Hersteller Busch aus dem hessischen Viernheim zeigt das eindrucksvoll: Ein Diorama zeigt eine zerstörte Brücke und einen typisch deutschen Straßenzug mit beschädigten und zerbombten Häusern nach einem Bombenangriff im Zweiten Weltkrieg. Gleich darüber ist die wieder reparierte Brücke und die Straße mit den Häusern so aufgebaut, wie sie heute aussieht. Ein kleines Detail schafft die Verbindung: Auf einer Baustelle neben der Brücke hat der Kampfmittelräumdienst einen Blindgänger entschärft.

Lok aus bis zu 200 Einzelteilen

Ansonsten geht es friedlich zu im Stauferpark. Am Märklin-Stand können Kunden Lokomotiven kaufen und sie unter Anleitung von Profis selbst zusammenbauen. „Eine Lok besteht aus 50 bis 200 Einzelteilen“, sagt Gabor Nagy. Mit 15 Kollegen ist er aus dem Märklin-Werk im ungarischen Györ nach Göppingen gekommen. Er hilft beim Zusammenbau der Loks, denn er weiß genau, wie es geht. Nagy leitet in Györ eine Montageabteilung für die „kleinen“ Spuren Z und N. Um es etwas einfacher zu machen, bekommen die Kunden schon vormontierte Bauteile. „Löten und die Feinarbeit an den Motoren sind hier am Stand leider nicht möglich“, sagt er.

Trotz der ungarischen Verstärkung ist die Modellbahnbranche fest in deutscher Hand, nur wenige Hersteller von Bahnen und Zubehör in der Werfthalle kommen aus dem Ausland. International ist es trotzdem, am Stand der Schwarzwälder Firma Faller wird ausgiebig auf Englisch gefachsimpelt. Dabei geht es nicht um die Bahn, sondern um Straßen und Autos für die Modellbahnanlage. Die stehen nicht mehr einfach rum, sondern drehen genauso ihre Runden wie die Eisenbahn. Möglich macht es ein dünner, stromführender Fahrdraht in den Fahrbahnsegmenten, die ähnlich zusammengesteckt werden wie Modellbahngleise. In der schönen, neuen, digitalen Modellbahnwelt werden die Autos und Lastwagen per Ultraschallsender und Satellit geortet und per Computer gesteuert und kontrolliert, auch GPS ist im Hobbykeller angekommen.

Reise in die eigene Kindheit

Max Stahel-Meier ist eher ein Eisenbahner der alten Schule, ohne GPS und Computer, aber mit vielen Erinnerungen. Das Sammeln und Spielen mit Eisenbahnen und Blechspielzeug „ist eine Reise in meine Kindheit. Seit ich zwei Jahre alt bin, spiele ich damit“. Stahel-Meier ist jetzt 70, spielt also schon seit Ende der 40er-Jahre, die erste Märklin-HO-Bahn bekam er mit neun Jahren. Von der Eisenbahn ist er bis heute nicht mehr losgekommen. Statt Schallplatten- oder Briefmarkensammlung zeigte er seiner Freundin kurz nach dem Kennenlernen im Mansardenzimmer seine Modellbahn – geheiratet hat sie ihn trotzdem. Und was hat er gemacht er, wenn er mal nicht mit der Eisenbahn spielte? „Ich war Eisenbahner bei der Schweizerischen Bundesbahn, bin gelernter Stationsvorsteher.“ Bis zum Fahrdienstleiter auf dem Zürcher Hauptbahnhof hat er es gebracht. Dort auf dem Stellwerk konnte auch während der Dienstzeit „seine Züge“, also die ganz großen, fahren lassen. Seine Augen leuchten, wenn er von der Bahn spricht, der SBB oder von der alten Buco-Lokomotive in seiner Hand. Er dreht mit einem Blechschlüssel den Uhrwerks-Motor auf und setzt die Lok, mit 70 Jahren so alt wie er, auf die Gleise. Sie läuft leise ratternd über die Blechschienen. „Buco war bis zur Schließung in den 1950er-Jahren ein schweizerischer Konkurrent von Märklin“, weiß Stahel-Meier. Er sammelt vor allem Spur-O-Modelle im Maßstab 1:45, einige hat er schon von seinem Vater geerbt. Mit dem „Verein für Historisches Technisches Spielzeug“, den er mitbegründet hat und der in der Schweiz und in Deutschland aktiv ist, kümmert er sich um den Erhalt der Dinge, die Kinder glücklich gemacht haben, als es noch kein Lego, Playmobil oder Computerspiele gab. Nicht nur Eisenbahnen, auch Motorräder oder Schiffe aus Blech. Natürlich behält der „150-Prozent-Eisenbahner“ Stahel-Meier die Bahn dabei immer Blick: Er wohnt seit über 40 Jahren im Bahnhof von Erlenbach am Zürichsee.


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Märklin-Tage 2017

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